Am Mittwoch demonstrierten sie erneut. Tausende Regierungsgegner zogen in der venezolanischen Hauptstadt Caracas vom Oberklasseviertel Altamira in Richtung des Stadtzentrums; mit ihnen marschierten der ehemalige Präsidentschaftskandidat Henrique Capriles und Abgeordnete verschiedener Oppositionsparteien. Sie gingen eine halbe Stunde. Dann stoppte die Nationalgarde auf der Fajardo-Autobahn, die quer durch Caracas verläuft, ihren Protestzug.

Gewalt brach aus. Einsatzkräfte feuerten Tränengas und Gummigeschosse auf die Menschenmenge. In einer Seitenstraße wurde ein Demonstrant von einem Projektil getroffen. Der 27-Jährige, ein Journalist, war sofort tot. Vermummte Protestler warfen Steine, Farbbeutel und mit Exkrementen gefüllte Flaschen und Plastikbecher. Puputovs nennen sie die Geschosse, in Anlehnung an Molotowcocktails. "Sie attackieren uns mit Gas. Wir antworten mit Scheiße", sagen die Demonstranten. Vertreter der venezolanischen Justiz sprechen von Bioterrorismus.

Unter den Demonstranten ist auch Samuel Díaz. Der 24-jährige Student hat einen schwarzen Motorradhelm, Schwimmbrille und Atemschutzmaske aufgesetzt, um sich vor dem Tränengas zu schützen. Im seinem Rucksack steckt eine Flasche mit Wasser, in dem Díaz Natrontabletten aufgelöst hat. Das soll gegen das Brennen des Tränengases helfen. 

Er sei gegen Gewalt, sagt Díaz, aber er könne die Steine- und Puputov-Werfer auch verstehen. Oft feuerten die staatlichen Sicherheitskräfte entgegen der Vorschriften aus unmittelbarer Nähe direkt auf die Körper der Demonstranten. Das könne tödlich enden. Bei einer Demo vor zwei Wochen starb einer von Díaz' Kommilitonen durch ein Tränengasgeschoss.

"Immerhin hungern wir nicht"

Díaz studiert an der privaten Metropolitana-Universität von Caracas im dritten Jahr Liberal Arts. In seinem Studiengang hört er von allem etwas: Wirtschaft, Geschichte, Politik. Seine Eltern wohnen in El Hatillo, einem Vorort von Caracas; beide arbeiten in der Versicherungsbranche. Noch gehe es seiner Familie besser als dem Durchschnitt der Venezolaner, sagt Díaz. "Immerhin hungern wir nicht. Ich kenne Angestellte an meiner Universität, die binnen Monaten 20 Kilogramm Gewicht verloren haben."

In Venezuela sind Nahrungsmittel knapp, denn das Land steckt in einer schweren Wirtschaftskrise. Zu verantworten haben sie Langzeitpräsident Hugo Chávez, der bis zu seinem Tod im Jahr 2013 regierte, und sein Nachfolger Nicolás Maduro. Chávez hatte der Unterschicht eine sozialistische Revolution versprochen – und er war anfangs durchaus erfolgreich im Kampf gegen die Armut. Doch seit die Ölpreise gesunken sind, auf denen Venezuelas Wohlstand beruhte, fehlt das Geld für die Sozialprogramme.

Maduro führte die von Chávez begonnene Planwirtschaft ideenlos fort. Die Folgen sind katastrophal. Um sechs Prozent wird Venezuelas Bruttosozialprodukt voraussichtlich in diesem Jahr schrumpfen, die Inflation liegt bei geschätzten 700 Prozent. Für 2018 sagt der Internationale Währungsfond sogar eine Rekordgeldentwertung von 2.000 Prozent voraus, falls die Regierung keine Gegenmaßnahmen ergreift.