Bislang hat US-Außenminister Rex Tillerson ja vor allem durch Abwesenheit geglänzt. Etwas mehr Klarheit hatte man sich wenigstens von ihm erhofft, wenn schon der Präsident so unberechenbar ist: Wie sieht sie denn aus, die außenpolitische Strategie, deren Losung America first sein soll? Doch Tillerson hatte wenig zu sagen, er scheute die Öffentlichkeit, selbst auf seinen Reisen. Wer optimistisch ist, hofft weiterhin, er könne das erratische Handeln Donald Trumps im Stillen ordnen helfen. Wer pessimistisch ist, ahnt: Die außenpolitischen Entscheidungen werden mehr denn je im Weißen Haus getroffen, ohne dass Tillersons Ministerium dabei eine größere Rolle spielt – also eher aus dem Bauch heraus und unter dem Einfluss illustrer Berater als auf der Basis fachlicher Vorbereitung.

Nun hat Tillerson vor Mitarbeitern des State Department die vorläufig ausführlichste Beschreibung der künftigen US-Außenpolitik formuliert. 40 Minuten sprach er am Mittwoch über die Agenda der USA in der Welt, über Ziele und Interessen. Schwer zu sagen in diesen Tagen, ob es nur die Übersetzung dessen war, was Trump und jene, auf die er hört, denken und vorhaben. Oder ob es Tillersons eigene Vorstellungen sind, auf die vielleicht am Ende niemand hört. Insbesondere weil der schwindende Einfluss der Diplomatie anscheinend ausgemacht ist: Die Planungen für das Budget des Außenministeriums sehen drastische Kürzungen vor und der frühere Ölmanager Tillerson wirkt eher wie der kühle Vollstrecker dieses Umbaus als wie einer, der sein Haus bestmöglich aufstellen will.

Dazu passt, was Tillerson über die Grundlagen der US-Außenpolitik zu sagen hatte. Anstrengungen für die nationale Sicherheit könne man nicht immer "daran knüpfen, ob jemand unsere Werte annimmt". Das Einstehen für Menschenrechte in der Welt könne im Konflikt stehen mit den Interessen der USA. Wenn man zu sehr darauf beharre, schaffe das "Hindernisse für unsere Fähigkeit, unsere nationalen Sicherheitsinteressen zu verfolgen, unsere wirtschaftlichen Interessen". Tillerson betonte, die USA würden ihre Grundwerte nicht aufgeben: "Das bedeutet nicht, dass wir diese Werte an den Rand schieben. Es bedeutet nicht, dass wir nicht mehr überall auf der Welt für Freiheit, Menschenwürde und dafür, wie man Menschen behandelt, werben und danach streben."

"Wirklich belastend für viele Leute"

Tillersons Blick auf die Welt blieb trotzdem beschränkt auf die harten Ziele: Gegen Nordkorea würden neue Sanktionen vorbereitet und man werde sicherstellen, dass auch andere Länder die bestehenden UN-Maßnahmen voll umsetzten. Zwischen Russland und den USA gebe es "fast kein Vertrauen", aber die Regierung wolle es schrittweise wieder aufbauen, indem sie sich den Themen einzeln widme: Zuerst werde man versuchen, gemeinsam einen haltbaren Waffenstillstand in Syrien zu erreichen. Mit China gebe es die "fantastische Gelegenheit" (da klang er fast wie Trump), die Beziehungen für die kommenden Jahrzehnte zu definieren, Peking sei sehr konstruktiv. Auf die Nato werde man den Druck erhöhen, um die Verteidigungsausgaben zu erhöhen. Die Nachbarstaaten Mexiko und Kanada seien bereit, an einem Update ihrer Handelsbeziehungen mit den USA mitzuarbeiten. 

Im Grunde wenig Konkretes, in Summe eher der Eindruck: Wir setzen Deals durch, die uns nützen.

Auf die strukturellen Auswirkungen der geplanten Budgetkürzung für das Außenministerium ging Tillerson nur oberflächlich ein. "Wirklich belastend für viele Leute" sei der Gedanke an die "tief greifende Veränderung", über deren Gestalt es jedoch keine klare Vorstellung gebe. Tausende Stellen könnten wegfallen, so viel ist klar.

Im Anschluss an seine Rede stand Tillerson den Mitarbeitern nicht direkt Rede und Antwort – einige von ihnen wurden ihre Kritik und Befürchtungen dafür anonym bei Reportern los: "Sie wollten, dass es so aussieht, als spreche er mit uns, aber es ging eher um den Eindruck als um Substanz", sagte einer der Nachrichtenagentur Reuters. Manche störten sich schon daran, dass Tillerson den Slogan America first von Trump übernommen hat. Am Ende wurden die Beamten eingeladen, an einer Umfrage teilzunehmen und ihre Vorstellungen für eine Reform des Hauses einzubringen.

Die Welt ist komplexer geworden, das weiß auch ihr Chef: "Der Kalte Krieg war viel einfacher." Wie diese Feststellung zu einem schlankeren Außenministerium passt und welche Rolle es für Trump spielen wird, bleibt offen.