Bei Protesten gegen den russischen Präsidenten Wladimir Putin sind landesweit mehr als 150 Menschen festgenommen worden. Das berichtet das oppositionsnahe Portal OWD-Info. In rund 30 russischen Städten forderten die Demonstranten Putin dazu auf, bei der Präsidentschaftswahl 2018 nicht für eine vierte Amtszeit zu kandidieren. Zu dem Protest hatte die Bewegung Offenes Russland des ehemaligen Oligarchen Michail Chodorkowski aufgerufen.

Der Großteil der Festnahmen ereignete sich in St. Petersburg. Dort wurden OWD-Info zufolge etwa 115 Menschen inhaftierte. Auch in anderen Großstädten, etwa Rostow am Don und Jekaterinburg, kam es zu Festnahmen. In Jekaterinburg soll ein Journalist nach dem Protest von Unbekannten verfolgt und mit grüner Farbe beworfen worden sein. Offenes Russland kündigte an, Anwälte einzuschalten. Gerichte prüften bereits erste Fälle von Festgenommenen.

Die Proteste fanden unter dem Motto Nadojel (Wir sind es leid) statt. Die Teilnehmer zogen landesweit zu Büros des Präsidialamtes und reichten Petitionen und Beschwerdebriefe ein. Manche sagten, sie könnten sich an keinen anderen Präsidenten als Putin erinnern. Das Land brauche eine Erneuerung.

In Moskau hingegen ließ die Polizei Hunderte Oppositionelle protestieren und griff nicht ein, obwohl die Behörden die Aktion nicht genehmigt hatten. Offenes Russland ging von etwa 2.000 Teilnehmern aus, die Behörden sprachen von etwa 250 Menschen. Stunden vor Beginn des Protests hatten Hunderte Polizisten in der Nähe des Präsidialamts Stellung bezogen. Am Gebäude waren die Rollläden heruntergelassen und Bauzäune aufgestellt. Am Ende ließen die Beamten die Demonstranten aber durch Metalldetektoren zum Eingang, um ihre Briefe abzugeben.

Warum Moskau die verbotene Aktion doch zuließ, blieb zunächst unklar. Ein hartes Durchgreifen hätte eine äußerst schlechte Berichterstattung gegeben, schrieb die Nesawissimaja Gaseta. Wenige Wochen vor dem Confederations Cup, dem Testlauf für die Fußball-WM 2018, schauen auch internationale Medien verstärkt auf Russland.

Offenes Russland und Oppositionsführer Nawalny uneins

Eine Eskalation bei einer Kundgebung am 26. März hatte international Kritik ausgelöst. Damals hatte der Oppositionelle Alexej Nawalny zu Protesten wegen Korruptionsvorwürfen gegen Regierungschef Dmitri Medwedew aufgerufen. Mehr als 1.000 Menschen wurden dabei festgenommen – auch Nawalny selbst, der 2018 kandidieren will.

Nawalny war vergangene Woche von einem Unbekannten mit grüner Farbe beworfen worden. Dabei wurde er am rechten Auge verletzt. Am Sonntagabend teilte Nawalny mit, dass es möglich sei, dass er auf einem Auge erblinde. Er schloss nicht aus, dass die Farbe mit einem anderen, gefährlicheren Stoff vermischt wurde. Bereits vor zwei Wochen rief Nawalny zu erneuten Protesten in ganz Russland auf. Am 12. Juni, dem russischen Nationalfeiertag, sollen sich die Demonstranten versammeln. "Lasst uns am 12. Juni auf die Straße gehen – mit unseren bisherigen Slogans und unter der Nationalfahne", schrieb er auf Twitter.

Der Aktion von Offenes Russland hatte sich Nawalny nicht angeschlossen. Beobachtern zufolge zeigt dies, wie uneins die Opposition weiterhin ist, zumal der Veranstalter der Proteste, Michail Chodorkowski, Mitte April öffentlich mitgeteilt hatte, Nawalny bei der Präsidentschaftswahl zu unterstützten. Nur sein eigenes Bündnis Offenes Russland und Nawalny könnten sicherstellen, dass in Russland künftig Korruption bekämpft werde.

Netzwerk aus britischen Stiftungen und russischen Gruppen

Der 53-jährige Chodorkowski gilt zwar als einer der bekanntesten Vertreter der außerparlamentarischen Opposition. Er ist ein ausgesprochener Gegner von Putin. Aber seit seiner Entlassung aus der Haft 2013 lebt er im Ausland und ist in Russland kaum sichtbar. Chodorkowski fragte am Samstag bei Twitter, ob "die Vernunft gesiegt" habe. "Nach und nach kommen wir zu einer normalen Arbeit mit den Menschen. Ohne Konfrontation, aber hartnäckig", schrieb er.

Offenes Russland ist ein Geflecht aus in Großbritannien registrierten Stiftungen von Chodorkowski und einzelnen Gruppen in Russland, die ein Netzwerk bilden. Das Justizministerium hatte zuvor die Organisation als unerwünscht eingestuft. Chodorkowski kündigte an, die britischen Stiftungen würden ihre Kontakte zu den russischen Gruppen einstellen – wohl zum Schutz der Aktivisten, die zu den Protesten aufgerufen hatten.