Diplomatie unter russischen Palmen: Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) reist am Dienstag zu Gesprächen mit Präsident Wladimir Putin in den Badeort Sotschi an der russischen Riviera. Bei dem Treffen in der Sommerresidenz des russischen Staatschefs werden besonders die Konflikte in der Ukraine und Syrien zur Sprache kommen. Denn in beiden Krisen spielt Russland eine bedeutende Rolle, die Merkel missfällt.

Im Ukraine-Konflikt fordert die Kanzlerin Putin unermüdlich dazu auf, seinen Einfluss auf die prorussischen Rebellen zu nutzen, um die Krise zu beenden. Bislang vergeblich. "Natürlich gibt es insbesondere zwei Themen, die das Verhältnis belasten", räumt Merkels Sprecher Steffen Seibert ein, nämlich die "völkerrechtswidrige Annexion der Krim durch Russland und die Destabilisierung der Ostukraine, bei der Russland eine erhebliche Rolle spielt".

Auch aus russischer Sicht ist das Vertrauensverhältnis belastet. Deutschland sei das Zugpferd der antirussischen Rhetorik in Europa, kommentiert die Zeitung Iswestija. Ein Ende der Sanktionen gegen Russland sei nicht abzusehen.

Dass Putin die Kanzlerin bei ihrem ersten Besuch in Russland seit zwei Jahren nicht in Moskau empfängt, sondern an der Schwarzmeerküste, entspricht dem Wunsch des russischen Staatschefs. Nach Merkel soll dort am Mittwoch der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan zu Gast sein. Die beiden dürften dann vor allem über den Bürgerkrieg in Syrien sprechen.

Putin unterstützt den syrischen Machthaber Baschar al-Assad. Die US-Regierung verdächtigte die russische Regierung sogar, vorab von dem mutmaßlichen Chemiewaffenangriff Anfang April in Syrien gewusst zu haben. Russland blockierte zudem mehrfach Resolutionen zu Syrien im UN-Sicherheitsrat.

Erler rät zur "Verabreichung von Zuckerbrot"

Genau wie im Ukraine-Konflikt ist es das Ziel der Bundesregierung, die Regierung in Moskau bei der Suche nach Lösungen für Krisen wie in Syrien "in konstruktive Lösungen einzubinden", sagt Seibert. Merkel muss es bei ihrem Besuch in Putins Präsidentendatscha also schaffen, Druck wegen dessen Rolle im Ukraine-Konflikt auszuüben und ihn gleichzeitig zur Zusammenarbeit für einen Frieden in Syrien zu bewegen.

Gernot Erler (SPD), Russland-Koordinator der Bundesregierung, sagte der Berliner Zeitung: "Die Verabreichung von Zuckerbrot wird wahrscheinlich mehr bringen als der Einsatz der Peitsche. Wir müssen Russland immer wieder sagen, dass das Ende der Sanktionen und die Wiederaufnahme normaler Beziehungen nahe sind, wenn sich Moskau belegbar an die Verabredung hält."

Der Vizepräsident des Europaparlaments, Alexander Graf Lambsdorff (FDP), sagte: "Obwohl es schon Sanktionen gegen Russland wegen der Ukraine gab, hat Moskau konstruktiv in den Atomgesprächen mit dem Iran mitverhandelt und arbeitet auch jetzt in der Umsetzung mit." Für Lambsdorff ist das der Beweis, dass Russland "sehr wohl zwischen verschiedenen Schauplätzen unterscheiden" kann. "Ich sehe daher keinen Grund, warum wir das nicht auch können sollten. Immer alles mit allem zu verbinden, macht außenpolitische Probleme manchmal noch schwerer lösbar, als wenn man sie getrennt voneinander betrachtet."