Wieder ein junger Mann, 22 Jahre alt, in England geboren, aufgewachsen, zur Schule gegangen, der plötzlich zum Terroristen wird. Salman Abedi, den die Polizei am Dienstag als den Mann identifizierte, der am Abend zuvor nach einem Popkonzert mutmaßlich eine Splitterbombe in Manchesters Konzerthalle gezündet hatte und 22 Menschen, darunter Kinder und Jugendliche, mit kühler Berechnung mit in den Tod riss, entspricht dem typischen Profil britischer islamistischer Attentäter: Auch er gehörte wie schon andere Terroristen zuvor zur zweiten Generation muslimischer Einwanderer, dieses Mal aus Libyen. Er lebte und wohnte in Manchester bei seiner Familie. Er wird als unauffällig in der Schule und im Job beschrieben.

Oft sind diese Attentäter den Ermittlungsbehörden bereits als Sympathisanten extremistischer Terrorgruppen bekannt, bevor sie zuschlagen. Auch Abedi war als Randfigur dieser Kreise aufgefallen.

Mehr als 3.000 Sympathisanten des "Islamischen Staats" und anderer islamistischen Terrorgruppen gibt es in Großbritannien. Mindestens 400 von ihnen sind als hart gesottene Kämpfer aus dem Terrorkrieg mit dem IS in Syrien zurückgekehrt. Mehr als 800 weitere Terrorverdächtige wurden an einer Reise nach Syrien gehindert. Sie alle stellen ein konstantes hohes Sicherheitsrisiko für das Land dar. In jüngster Zeit hat sich die Terrorgefahr noch verschärft, da der IS in Syrien unter starkem militärischen Druck steht und seine Anhänger auffordert, in ihrer Heimat zu bleiben und dort Terroranschläge zu verüben.

Seit 1998 wurden in Großbritannien mehr als 264 Terroristen verurteilt. Mehr als jeder Fünfte kämpfte vorher beim IS in Syrien oder war in einem islamistischen Ausbildungscamp im Ausland. Abedi soll erst vor wenigen Tagen aus Libyen zurückgekehrt und nach Angaben aus Frankreich auch in Syrien gewesen sein. In libyschen Kreisen in Manchester wird spekuliert, ob er möglicherweise 2011 im Krieg in Libyen gekämpft habe und traumatisiert und wütend auf den Westen zurückgekehrt sei. In den letzten Wochen soll er mitunter lauthals Koranverse in den Straßen zitiert und gesungen haben.

Aber nicht alle britischen Attentäter tragen den Terror von außen ins Land. 78 Prozent der Täter sind vielmehr homegrown, also hausgemacht, gibt eine im März veröffentlichte Analyse von 269 Terroristen der letzten Jahre an: Sie wurden über Kontakte zu radikalen Islamisten in Großbritannien radikalisiert – teils in Gefängnissen, häufig aber auch über das Internet – und von Hintermännern systematisch zu Terroranschlägen angeleitet.

Abedi scheint bereits 2015 radikalisiert worden zu sein. Der moderate Imam der Didsbury-Moschee in der Nachbarschaft der Familie, Mohammed Saeed, berichtet in britischen Medien, er habe 2015 gegen den IS und die mit ihm verbundene libysche Miliz Ansar al-Sharia gepredigt, worauf ihn Abedi hasserfüllt angesehen habe. Ein anderer Vater habe seine erwachsenen Söhne neben ihn gesetzt, weil sie offenbar befürchteten, Abedi werde den Imam angreifen.

"Wir beschatten viele – aber nicht alle. Das ist gar nicht machbar", sagte Sir Bernard Hogan-Howe, der frühere Londoner Polizeichef, im Januar. Und er beschrieb die Ohnmacht der Ermittler: "Anschläge werden geplant, aber wir wissen nicht, wann und wo."