Richard Sileroy entspricht dem Klischee eines Trump-Wählers aus Manhattan oder Brooklyn. Er trägt ein schwarzes T-Shirt mit dem Aufdruck "Support Our Troops", unterstützt unsere Truppen. Die Haare hat er entweder abrasiert oder sie sind ihm ausgegangen. Das Gesicht ist eingefallen. Er spricht undeutlich, wie jemand, der sich nicht oft mit Fremden unterhält und deswegen aus der Übung ist. 

Sileroy ist 58 Jahre alt, aber er könnte auch Ende 60 sein. Die jahrzehntelange Arbeit als Maler, die Scheidung von seiner Frau und das schwierige Verhältnis zu seinen Kindern haben Spuren hinterlassen. Er erzählt Anekdoten wie diese: Einmal habe er sich mit seinem Cousin einen Spaß daraus gemacht, in einem vollen Bus aufzustehen, seinen Ausweis zu zücken und zu rufen: "Zeigt mir mal eure Green Card!" Man habe kaum gucken können, so schnell seien viele an der nächsten Haltestelle ausgestiegen.

Von seiner kleinen einstöckigen Doppelhaushälfte auf dem Hügel des New Yorker Bezirks Staten Island fällt der Blick auf die Apartmentanlage Grymes Hill auf der anderen Straßenseite, ein halb offener Kreis aus einfachen Backsteinbauten. In den Achtzigern gehörte der Komplex den Trumps, regelmäßig nahm Fred Trump seinen Sohn Donald mit hierher, um ihn auf eine Karriere im New Yorker Immobiliengeschäft vorzubereiten. Dass Sileroy bei der letzten Wahl für Clinton gestimmt hat, erwähnt er nur nebenbei, während er das Laub in seinem Vorgarten in einen schwarzen Müllbeutel packt. Es klingt fast wie ein Versehen. Für Sileroy war es vor allem eine Stimme gegen die Republikaner, weniger gegen Trump. "Die sind für die Reichen", begründet er seine Entscheidung.

Der einzige Bezirk mit einer weißen Mehrheit

Um von Manhattan aus nach Staten Island zu gelangen, sollte man die Fähre nehmen. Von Brooklyn aus dauert die Busfahrt über die Brücke vor allem zu Stoßzeiten schnell länger als eine Stunde. Die Insel, neben Manhattan, Brooklyn, der Bronx und Queens einer von fünf Stadtbezirken, hat nicht nur geografisch wenig mit dem Rest New Yorks zu tun. Staten Island ist der einzige Bezirk mit einer weißen Mehrheit in einer Stadt, die sich wegen der Zuwanderung aus aller Welt ständig verändert. Die Menschen hier sind deutscher, italienischer oder irischer Abstammung, nirgendwo in der Stadt leben mehr Polizisten. Mit Bewegungen wie Black Lives Matter oder Gender-Diskussionen darüber, wer welche Toilette benutzen darf, können sie hier wenig anfangen.

Auf den Rest von New York sind Menschen wie Sileroy nicht gut zu sprechen. Die Leute drüben in Manhattan und Brooklyn blickten auf die Menschen in Staten Island herab, sagt er. "Sie sehen uns als ihren Mülleimer." Dabei wurde die Mülldeponie, der die Insel ihren Ruf verdankt und die einst die größte der Welt war, bereits 2008 geschlossen. Doch das Gefühl, zu den Verlierern zu gehören, hat sich hartnäckig gehalten.

Von den hohen Mautgebühren, die für die Fahrten über die Brücke fällig werden, "sehen wir nichts", kritisiert Sileroy. Es ist für viele hier das konkreteste Beispiel einer Dynamik, in der sie ständig mehr geben als bekommen. Sileroy hat noch ein weiteres: Seit Jahren suche er nach einem Nebenjob, weil von der knappen Rente nicht viel übrig bleibt, wenn die Hypothek bezahlt ist. "Aber die Mexikaner sind bereit, für fünf Dollar pro Stunde zu arbeiten, da kann ich nicht mithalten."

Staten Island ist Trump-Land

Während Hillary Clinton sich New York dank der liberalen Hochburgen Manhattan und Brooklyn mit 79 Prozent der Stimmen sicherte, ging Staten Island mit seinen knapp 500.000 Einwohnern mit fast zwei Drittel der Stimmen an Donald Trump. Es sind längst nicht nur die einfachen Arbeiter, die hier für den Kandidaten der Republikaner gestimmt haben. Im Süden der Insel, dort, wo die Häuser größer werden und die Autos teurer, holte er bis zu 85 Prozent. Immer wieder sieht man Trump-Aufkleber auf den Autos oder Straßenplakate, die für eine Karriere in der Armee werben. Staten Island ist so rot, dass der Bezirk sogar an John McCain ging, als der Rest der Stadt 2008 im Obama-Fieber war.

Viele hätten es als Witz abgetan, als Trump ankündigte, ins Rennen um das Weiße Haus einzusteigen, sagt Andrew Winslow. "Das hat mich irgendwie berührt." Der 31-Jährige  arbeitet im Carl’s House, einer Einrichtung auf Staten Island, die Drogenabhängigen hilft, wieder in die Spur zu kommen. Umgeben nur von einer Autowerkstatt und einem Dunkin' Donuts, sieht sie von außen auf den ersten Blick aus wie eine Videospielhalle. Die Scheiben sind abgeklebt mit großen dunklen Bannern, die den Blick nach innen versperren und Besuchern einen Ausweg aus Einsamkeit, Schuldgefühl und Selbstmitleid versprechen.

Im Innern sind Computer aufgebaut, an den Wänden stehen alte Sofas, die anderswo aussortiert wurden. Die Tatsache, dass jemand ausgelacht werde, dann trotzdem antrete und am Ende sogar gewinne, "das ist doch wie im Hollywoodfilm", sagt Winslow. Allein das habe vielen Leuten "ein bestimmtes Gefühl" gegeben.