Front National - Frankreichs Landbevölkerung wählt rechts Viele Einwohner im südfranzösischen Dorf Puget-Théniers sind davon überzeugt: Einen wirtschaftlichen Aufschwung wird es nur mit dem Front National geben. © Foto: Yann Coatsaliou/AFP/Getty Images

Nun ist die Beklemmung wieder da: Wenn Franzosen wählen, habe ich Angst um Freundinnen und Freunde in meinem südfranzösischen Dorf. Angst, dass mein sympathischer Gemüsehändler, der kürzlich erst auf Bio umgestellt hat, den Rechtsextremen seine Stimme gibt. Angst, dass meine Freundin, mit der ich kürzlich noch auf hohe Berge wanderte, Marine Le Pen wählt. Angst, dass der Lehrer meiner Söhne die Grenzen wieder hochziehen will, dass ich beim Bäcker mit anhören muss, wie die gemütliche Croissant-Runde am Morgen zu einer Schimpftirade auf Flüchtlinge ausartet. Angst, dass mir all die freundlichen Menschen in meinem Dorf plötzlich unerträglich werden.

Wer wie ich in Südfrankreich lebt, ist von rechtsextremen Wählern umzingelt. Ich wohne in einem kleinen Dorf, 5.000 Einwohner, nicht weit von Nizza entfernt. Hier haben vier von zehn Bürgern den rechtsextremen Front National gewählt, in der Stichwahl am Sonntag werden es sicherlich noch viel mehr sein. Sie haben einer Frau ihre Stimme gegeben, die in der Verfassung verankern möchte, dass gebürtige Franzosen als erste einen Job bekommen, als erste im Krankenhaus behandelt werden und als erste eine Wohnung erhalten. Oder anders gesagt: Bei einer Bewerbung wäre ich als Deutsche automatisch die zweite Wahl, bei einem Unfall würden die Sanitäter zuerst das gebrochene Bein meines französischen Bettnachbarn behandeln, und Wohnungen könnte ich nur mieten, wenn kein Franzose sie haben möchte. Zugezogene aus nicht-europäischen Ländern würden es noch sehr viel schwerer haben. Meine Nachbarn haben sich für die Apartheid entschieden und merken es nicht.

Ich kann nicht einmal Mitleid mit ihnen haben. Die Menschen im Norden von Frankreich, in der zweiten Bastion von Marine Le Pen, sie sind verarmt und meist arbeitslos, sie wurden von linken und rechten Regierungen enttäuscht, sitzen im Regen und in grauen Betonburgen und warten auf Erlösung. Nicht in meinem Dorf. Drei von vier Menschen wohnen hier im Eigenheim. Die Sonne scheint 270 Tage im Jahr, und wer Glück hat, kann seine eigenen Oliven ernten. Hier sind weniger Menschen ohne Job als im Landesdurchschnitt und nur knapp halb so viele sind arm. Einen Flüchtling habe ich hier noch nie gesehen, die einzig Zugezogenen sind Menschen aus anderen europäischen Staaten, vor allem Briten und Deutsche. In den Nachbarstädten sieht es ähnlich aus: Meist kommt Marine, wie die Einheimischen Le Pen liebevoll nennen, auf 40 Prozent, manchmal sogar, in den verschlafensten Nestern, auf knapp die Hälfte aller Stimmen. Kein Vergleich zur Weltstadt Paris, in der der FN gerade mal fünf Prozent der Stimmen erhielt.

Hetze seit Jahrzehnten

Vergangenes Jahr wurde ein schwarzer Junge von zwei Klassenkameraden in der Grundschule gefragt, ob er Bilder von Affen sammeln würde. Eine Nazisymbolik, die Le Pen und ihre reaktionären Fans häufig nutzen: Als die damalige Justizministerin Christiane Taubira, dunkelhäutig, sich für die Rechte von Homosexuellen einsetzte, wurde sie von Demonstranten mehrfach mit Bananen beschmissen und mit Affengeräuschen überjohlt. Die Dorfjungs wurden abgemahnt und immerhin war die Aufregung groß. Ich fühlte mich, mal wieder, beklemmt. Zur Studentenzeit im Ruhrgebiet wäre mir das nicht passiert. Ich könnte schwören, dass keiner meiner Kommilitoninnen oder Kommilitonen die NPD oder ähnlich braune Extremisten gewählt hätte. Das war undenkbar. Die Rechtsextremen waren woanders, nicht im Bekanntenkreis. Gut möglich, dass sich das heute auch verändert hat, schließlich fährt die AfD ebenfalls große Erfolge ein.

Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass die Sehnsucht nach Veränderung wichtiger ist als alle rassistischen Ideen. Bislang gewinnen in Paris –und Berlin – immer die "Weiter so"-Kandidaten. Auch Macron ist so einer. Aber die andere Hälfte des Landes möchte gern eine neue Politik, selbst hier, in diesem eigentlich behaglichen Dorf. Während in vielen Ecken Frankreichs die Veränderer für den Linken Jean-Luc Mélenchon gestimmt haben, fallen hier fast alle diese Stimmen auf die Rechtsextremen. Wir müssen uns fragen, wieso.

Klar, es gibt soziologische Erklärungen für den hiesigen Rechtsdrall. Etwa, dass am Mittelmeer besonders viele Menschen aus den ehemaligen algerischen und tunesischen Kolonien wohnen. Eine Gruppe, die kolonialen, nationalistischen Ideologien nahestand und sich zur Familie Le Pen seit Generationen hingezogen fühlt. Oder, dass sich im milden Südfrankreich viele vermögende Rentner niederlassen, die seit jeher konservativ wählen. Oder auch, dass die örtlichen Bürgermeister dem FN in die Hände spielen. Hier regieren seit Jahrzehnten rechte und rechtsnationalistische Bürgermeister, die über kriminelle Ausländer hetzen und eine allgemeine Unsicherheit heraufbeschwören und von denen ohnehin schon einige zum FN übergelaufen sind. Der republikanische Bürgermeister von Nizza wollte schon einmal zu Fußballspielen ausländische Fahnen verbieten, und Moscheen werden hier grundsätzlich bekämpft.

"Frankreich wieder in Ordnung" bringen

Die Vermischtes-Seiten in den Regionalblättern lassen meine Dorfbewohner zusätzlich denken, sie lebten auf einem brandgefährlichen Pflaster. Ständig werden hier also Gefühle geschürt, die anfällig machen für eine Partei, die "Frankreich wieder in Ordnung" bringen, höhere Strafen verhängen und Gefängnisse ausbauen will. Aber das erklärt trotzdem nicht die Sehnsucht nach großen Veränderungen.

Dann überfuhr im vergangenen Sommer ein Terrorist 86 Menschen an der Strandpromenade von Nizza. Am nächsten Tag sagte ein sehr guter Freund von mir beim Abendessen, er würde alle Verdächtigen am liebsten über dem Mittelmeer abwerfen. Das klang so ähnlich wie der FN, der alle terrorverdächtigen Personen ausweisen will, ohne ihnen ein Verbrechen nachweisen zu müssen. Das gemeinsame Mahl endete eisig.

Alle FN-Sympathisanten, denen ich versichere, selbst Ausländerin zu sein, klopfen mir beruhigend auf die Schulter und sagen: Nein, nein, du bist nicht gemeint, haha, du bist doch gut integriert. Noch nicht, sage ich. Und gemeint sind diejenigen Flüchtlinge, die ohnehin nichts haben und ohne ein Stück Gepäck nicht weit von hier an der französisch-italienischen Grenze stranden. Trösten können mich nur Freunde, die am Sonntag Emmanuel Macron wählen wollen, um Le Pen zu stoppen. Menschen, die politisch ähnlich ticken wie ich, die Migranten als hilfsbedürftige Personen anerkennen, und die darüber nachdenken, warum die Nachbarn so frustriert sind. Nur schade, dass sie in der Minderheit sind.