Die Bilder gingen um die Welt: Männer mit weißen Helmen ziehen in Aleppo Frauen, Männer und Kinder unter Häusertrümmern hervor. Die Weißhelme, die offiziell "Syrischer Zivilschutz" heißen, sind meistens die ersten und einzigen Helfer, die am Ort sind, wenn eine Bombe des syrischen Regimes oder seiner russischen Verbündeten ein Kranken- oder Wohnhaus zerstört hat. Sie retten die Menschen aus dem Schutt und leisten Erste Hilfe – oft können sie aber nur noch Leichen bergen. 

Die Weißhelme haben zwei zentrale Büros, eines in Syrien, eines in der türkischen Grenzstadt Gaziantep. Dort organisieren sie Trainings, koordinieren die Logistik für die Einsätze in Syrien, treffen ihre Kollegen und Unterstützer. An diesem Tag im Mai ist es hektisch im Büro in Gaziantep. Einige Mitarbeiter der Weißhelme sind aus Syrien über die Grenze gekommen, um ihren Kollegen in der Türkei über die Lage vor Ort zu berichten.

"Wir zeigen, welche Verbrechen das Regime begeht"

Khaled Khatib ist ein Filmemacher aus Aleppo. 2015 bat ihn der britische Dokumentarfilmer Orlando von Einsiedel, die Rettungseinsätze der Weißhelme in Aleppo zu dokumentieren. Daraus entstand der Film "The White Helmets", der in diesem Jahr einen Oscar gewann. Khatib ist Mitte 2016 in die Türkei geflohen und arbeitet von dort weiter für die Weißhelme.

Khaled Khatib © Andrea Backhaus

"Das erste Zentrum der Weißhelme in Aleppo wurde 2013 eröffnet. Seitdem bin ich dabei. Der Start bei den Weißhelmen war sehr hart. Im September 2013 gab es einen schweren Luftschlag in Aleppo, bei dem mehr als 100 Menschen umkamen. Wir arbeiteten zehn Tage lang Tag und Nacht, um die Verschütteten zu befreien. Jeden Tag zog ich Menschen aus den Trümmern. Die Bilder verfolgten mich bis nach Hause: die bizarr verdrehten Leichen, die abgetrennten Körperteile. Ich dachte, dass ich diese Arbeit nicht machen kann. Aber zwei Wochen später gab es wieder einen großen Luftschlag und ich bin mit den Kollegen hingefahren. Als wir nach langem Suchen und Graben ein Baby lebend aus den Trümmern ziehen konnten, wusste ich, dass ich weitermachen musste.

Der Alltag für die Weißhelme sieht so aus: Bevor es einen Anschlag gibt, kreisen die Kampfflugzeuge oder Hubschrauber über den Häusern. Sobald wir das hören, rennt jemand auf das Dach des Zivilschutz-Zentrums und versucht von dort zu lokalisieren, wo die Bombe runterging. Dann informiert er die Kollegen, die sich sofort auf den Weg dorthin machen. Meistens zeigen die Menschen auf der Straße den Weißhelmen den Weg zu den Trümmern. 

Das Regime und seine russischen Verbündeten attackieren meistens zweimal direkt hintereinander, um gezielt die Helfer zu treffen, die zu den Verwundeten der ersten Attacke eilen. Im März 2014 gab es einen Luftangriff in der Nähe unseres Büros. Als wir dort ankamen, schlug nur zwei Minuten später genau dort eine zweite Bombe ein. Drei meiner Kollegen starben, viele wurden verwundet. Danach hatten wir große Angst vor den Doppelanschlägen und versuchten uns besser vorzubereiten. Wir beobachteten genau, wo die Hubschrauber hinflogen und warteten ein paar Minuten ab, bevor wir zum Angriffsort eilten. 

Meine Eltern wussten lange nicht, dass ich bei den Weißhelmen bin. Erst als ich immer öfter mit staubiger und blutbeschmierter Kleidung nach Hause kam, verstanden sie es. Meine Mutter sagte kopfschüttelnd: "Alle laufen weg, wenn eine Bombe einschlägt, aber du läufst dorthin." Heute sind sie stolz auf mich.

Ich habe dann angefangen, die Einsätze der Weißhelme zu filmen. Ich fand es wichtig, zu zeigen, wie sie jeden Tag Dutzende Menschen retten, oftmals während die Bombardierungen weitergehen. Seit 2013 haben die Weißhelme mehr als 90.000 Menschenleben gerettet. Sie retten alle Menschen, unabhängig davon, auf welcher politischen Seite sie stehen oder welcher Religion sie angehören. Es kommt vor, dass sie Kämpfer von Assad retten, auch wenn sein Regime maßgeblich für die Zerstörung in Syrien verantwortlich ist.

Die Weißhelme haben viele Zentren an unterschiedlichen Orten in Syrien, alle in den Gebieten der Opposition. In Aleppo waren wir am Anfang 30 Leute. Dann wurden die Bombardierungen immer heftiger und wir eröffneten drei weitere Zentren. Am Ende hatten wir 130 Mitarbeiter in Ost-Aleppo. Heute ist niemand mehr von ihnen in der Stadt. Seit das Assad-Regime ganz Aleppo im Dezember unter seine Kontrolle gebracht hat, sind unsere Kollegen ins Umland von Aleppo und Idlib geflohen. Sie arbeiten nun dort weiter.

Das Regime bombardiert unsere Zentren weiterhin, wie auch die Krankenstationen und Wohnhäuser. Assad bekämpft uns, weil wir der Welt zeigen, welche Verbrechen sein Regime Tag für Tag begeht. In den staatlichen Medien bezeichnen sie uns als Terroristen, so wie alle Oppositionellen. Dabei ist es Assad, der Menschen umbringt. Und niemand hält ihn auf.

Für unseren Film "The White Helmets" haben wir einen Oscar gewonnen. Obwohl ich viel Material beigesteuert habe, konnte ich an der Preisverleihung nicht teilnehmen. Als ich in die USA reisen wollte, wurde ich am Flughafen in Istanbul festgehalten. Es hieß, dass etwas mit meinem Pass nicht stimme. Die genauen Hintergründe kenne ich nicht. Auch wenn die Produzenten des Films alles taten, um mich einfliegen zu lassen, klappte es nicht mehr. Aber das ist nicht schlimm. Wir haben den Film nicht gemacht, um einen Oscar zu gewinnen, sondern um zu zeigen, was die Zivilisten in Syrien Tag für Tag leisten. Wir mögen diese Arbeit nicht, aber wir haben keine Wahl. Solange Bomben fallen, werden wir da sein und weitermachen."