Raketen, Panzer und marschierende Soldaten sind auch in diesem Jahr am 9. Mai auf dem Roten Platz in Moskau zu sehen: Am Tag des Sieges erinnert Russland an den Sieg der Roten Armee gegen das nationalsozialistische Deutschland und an die Befreiung Europas vom Faschismus vor 72 Jahren. Auch wenn die Militärparade in Moskau der  Höhepunkt ist, ist das Gedenken nicht auf die russische Hauptstadt beschränkt. In vielen Städten und Regionen Russlands erinnern die Menschen an diejenigen, die vor über sieben Jahrzehnten mit der Roten Armee den nationalsozialistischen Terror besiegten. Das Gedenken an diesen Sieg und an die Opfer, die dafür erbracht wurden, ist bis heute ein großer Integrationsfaktor in der postsowjetischen Gesellschaft Russlands. 

Laut einer aktuellen Umfrage des unabhängigen Meinungsforschungsinstituts Lewada-Zentrum, deren Ergebnisse Anfang Mai veröffentlicht wurden, planen 76 Prozent der Russen, an den Feierlichkeiten zum Tag des Sieges teilzunehmen. Das ist die höchste Zustimmungsrate der letzten 20 Jahre. Nur 1995 war die Zahl derer, die angaben, den Gedenktag feierlich begehen zu wollen, mit 82 Prozent noch höher, im Jubiläumsjahr 2015, als in Moskau am 9. Mai die größte Militärparade aller Zeiten seit Ende des Zweiten Weltkriegs stattfand, gaben hingegen nur 65 Prozent der Befragten an, an den Siegesfeiern teilnehmen zu wollen.

Einer der Gründe für die wachsende Zustimmung dürfte sein, dass die russische Regierung unter Präsident Putin in den vergangenen Jahren erhebliche finanzielle und personelle Mittel investiert hat, um die Erinnerung an den Sieg über den Faschismus 1945 als Teil eines patriotischen Nationalbewusstseins in der Bevölkerung zu verankern. So werden beispielsweise in Schulbüchern, eigens produzierten Fernsehserien und historischen Erlebnisparks Heldentum und Opferbereitschaft der sowjetischen Soldaten unter der militärischen und ideologischen Führung Stalins so plastisch dargestellt, dass die Zuschauer, Leser und Besucher das Gefühl bekommen, dabei gewesen zu sein. 

Gabriele Woidelko ist Slawistin und Osteuropahistorikerin. Bei der Körber-Stiftung leitet sie den Arbeitsschwerpunkt Russland in Europa. © Körber-Stiftung / Claudia Höhne

Diese staatlich beförderte Erinnerung an den Sieg der Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg ist Teil einer geschichtspolitischen Strategie, die darauf abzielt, den Stolz auf die Leistungen der eigenen Nation in der russischen Bevölkerung zu stärken und die "historische Wahrheit" über den Zweiten Weltkrieg in Russland und über seine Grenzen hinaus zu verbreiten. Denn Russland ist nicht nur de jure Rechtsnachfolgerin der Sowjetunion, sondern versteht sich de facto auch als führende Nation im postsowjetischen Raum.

Tatsächlich hat der Zweite Weltkrieg nicht nur in Russland bis heute enorme Bedeutung, sondern auch in anderen Ländern des postsowjetischen Raums. Das liegt an der Tatsache, dass nahezu keine Familie von diesem Krieg verschont geblieben ist. 27 Millionen Menschen, knapp die Hälfte aller Opfer des Krieges, starben auf den Killing Fields im Osten Europas.

Das Wissen um das Ausmaß der Verwüstung und Zerstörung, das der Jahrhundertkrieg auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion hinterlassen hat, hat in Westeuropa nach 1991 nur langsam einen Platz im Bewusstsein der Öffentlichkeit gefunden. Aufklärungsarbeit leisteten dabei nicht nur führende Osteuropahistorikerinnen und -historiker wie Timothy Snyder, Anne Applebaum und Karl Schlögel, sondern auch Schriftstellerinnen wie Ljudmila Ulitzkaja, Sofi Oksanen, Swetlana Alixijewitsch, Herta Müller, Katja Petrowskaja und jüngst  Natascha Wodin, die mit ihren autobiografisch geprägten Erzählungen und Romanen die Lebens- und Leidenswege der Menschen in Osteuropa in der Vor- und Nachkriegszeit sowie in den Kriegswirren nachzeichneten. In zahlreiche Sprachen übersetzt, trugen diese Texte dazu bei, dass die Öffentlichkeit in Westeuropa zu verstehen begann, wie tief bis heute die Narben sind, die die Erfahrungen von Krieg und doppelter Diktatur in Millionen Familien der Sowjetunion und der Länder des ehemaligen Ostblocks hinterlassen haben.

Zeitzeuge - "Unsere heutige Zeit ist mindestens so gefährlich wie 1939" Harald Beer saß zwischen 1947 und 1950 im sowjetischen Speziallager Sachsenhausen. In seinem Buch „Auch ich war ein Nazi“ geht er kritisch mit seinem Wegschauen als Jugendlicher in der NS-Zeit um. © Foto: Sven Kästner