Der in der Türkei inhaftierte Welt-Korrespondent Deniz Yücel hat "Vorverurteilungen" durch den türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan kritisiert und einen fairen Prozess gefordert. "In Ländern wie Aserbaidschan oder Weißrussland" möge es natürlich erscheinen, "dass die oberste Staatsführung persönlich eine inhaftierte Person öffentlich vorverurteilt und den zuständigen Staatsanwälten und Richtern quasi Anweisungen erteilt", heißt es von Yücel auf Welt.de. Für die "zivilisierte Welt" sei ein solcher Vorgang aber befremdlich.

Yücel konnte seine Gedanken seinen Anwälten im Gefängnis in Silivri diktieren. Erdoğan hatte den deutschtürkischen Journalisten wiederholt beschuldigt, ein "Terrorist" und "Agent" zu sein. Nach dem Protokoll der Verhandlung, bei der ein Gericht Ende Februar Untersuchungshaft gegen Yücel verhängt hatte, wird ihm Terrorpropaganda und Volksverhetzung vorgeworfen. Eine Anklageschrift liegt weiterhin nicht vor. Mitte April hatte Erdoğan ausgeschlossen, dass Yücel an Deutschland überstellt wird, "solange ich in diesem Amt bin".

In Yücels Bericht heißt es dazu: "Das einzige, was ich verlange, ist ein fairer Prozess." Dort müssten die relevanten türkischen Gesetze und die universellen Menschenrechte zur Anwendung kommen "und nicht mit Füßen getreten werden". Ein solcher Prozess könne "gar nicht anders enden als mit einem Freispruch", davon sei er restlos überzeugt.

Yücel kündigte an, er werde "dieses Gefängnis nicht durch eine Hintertür verlassen, sondern durch jene Vordertür, durch die ich es betreten habe. Und ich werde in diesem Land den Kampf um Demokratie, Gerechtigkeit und Freiheit, der mit der offensichtlich illegitimen Verfassungsänderung mitnichten beendet ist, mit Gottes Hilfe auch in Zukunft aus nächster Nähe journalistisch begleiten." Yücel bezog sich auf das Referendum vom 16. April, das Erdoğan knapp gewonnen hatte.

Die Inhaftierung Yücels hat zu schweren Spannungen zwischen Deutschland und der Türkei geführt. Die Bundesregierung fordert die Freilassung des Journalisten. Die Welt schrieb in Anmerkungen zu Yücels Bericht: "Es gehört zu den gängigen Regeln des Medienbetriebs, dass sich Betroffene zu einem laufenden Verfahren nicht äußern. Bei Deniz Yücel wäre das umso verständlicher, als seine Strafsache von starken Spannungen zwischen Europa und der Türkei überschattet wird. Aber Deniz will sich äußern und er hat ein Recht darauf." 

Der Welt zufolge wird Yücel mehr als andere inhaftierte Journalisten in der Türkei unter Druck gesetzt. Seit 67 Tagen befinde er sich in Einzelhaft. Er dürfe sich wöchentlich durch eine Glasscheibe getrennt eine Stunde lang mit Angehörigen unterhalten.In der Türkei sitzen zurzeit mehr als 150 Journalisten in Haft. Laut Amesty International wurden dort mindestens 156 Medienhäuser geschlossen, etwa 2.500 Medienschaffende sind ohne Arbeit.