Die türkische Tageszeitung Sözcü ist am Samstag aus Protest mit leeren Seiten erschienen. Auf die Titelseite mit der Überschrift "19. Mai Spezialausgabe zur Pressefreiheit" blieben die übrigen 19 Seiten der Zeitung leer. Sözcü ist mit einer Auflage von 270.000 Exemplaren die drittgrößte Zeitung der Türkei. 

Am Tag zuvor waren zwei Zeitungsmitarbeiter festgenommen worden. Zunächst war der Verantwortliche für den Onlineauftritt der Zeitung, später ein Korrespondent aus der westtürkischen Metropole Izmir in Polizeigewahrsam genommen worden, wie die Nachrichtenagentur DHA am Freitagabend meldete. Die Journalisten waren zuvor von der Staatsanwaltschaft zur Fahndung ausgeschrieben worden.

Mit der Samstagsausgabe wolle man nicht nur ein Zeichen gegen die Festnahmen, sondern auch gegen die Beschneidung der Pressefreiheit in der Türkei grundsätzlich setzen, sagte Ali E. Gülen, der Chefredakteur der Sözcü-Europaausgabe, dem Spiegel. Die Aktion sei erfolgreich. "Unser Kioskverkauf liegt ersten Schätzungen zufolge 40 Prozent höher als üblich", wird Gülen vom Spiegel zitiert.

Journalisten werden Straftaten zugunsten der Gülen-Bewegung vorgeworfen

Derzeit wird nach zwei weiteren Zeitungsmitarbeitern gefahndet. Ein Festnahmebefehl liegt unter anderem gegen den Herausgeber des Blattes vor, Burak Akbay. Er hält sich nach Angaben der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu im Ausland auf.    

Den Verdächtigen wird laut Anadolu vorgeworfen, Straftaten zugunsten der Gülen-Bewegung begangen zu haben, ohne der Organisation anzugehören. Die türkische Regierung macht die Bewegung des in den USA lebenden Predigers Fethullah Gülen für den Putschversuch vom Juli vergangenen Jahres verantwortlich.

Die regierungsnahe Zeitung Sabah berichtete, bei den Vorwürfen gegen Sözcü gehe es um einen Bericht vom 15. Juli 2016, in dem das Blatt den Urlaubsort von Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan öffentlich machte. Stunden später begann der Umsturzversuch, bei dem Putschisten das Hotel in Marmaris angriffen. Erdoğan war kurz zuvor abgereist.

Seit dem Putschversuch geht Erdoğan massiv gegen kritische Medien vor. Zahlreiche Journalisten sitzen im Gefängnis, darunter der deutschtürkische Welt-Korrespondent Deniz Yücel.