Mit genügend Gleichgültigkeit für den Krieg im Osten der Ukraine kommt man vielleicht zu diesem Schluss: Die Menschen im Donbass, wo Russland das Regime der sogenannten Separatisten unterstützt, das sind doch eh eigentlich Russen. Mit dem ukrainischen Staat können sie sowieso nichts anfangen, also soll die Regierung in Kiew diesen Landstrich doch am besten aufgeben. Ein aktuelles Umfrageprojekt des Zentrums für Osteuropa- und internationale Studien (ZOiS) in Berlin zeigt, wie falsch dieses gerade im Westen verbreitete Bild ist.

Die Ukraine ist heute ein geteiltes Land: Der Krieg im Osten hat eine Frontlinie geschaffen, an der nach mehr als 10.000 Toten noch immer geschossen wird; die politischen Bemühungen, um endlich die Vereinbarungen des Minsker Friedensabkommens umzusetzen, kommen seit Langem kaum voran. An der Realität der quasistaatlichen Volksrepubliken von Luhansk und Donezk wird sich damit so schnell nichts ändern. Mehr noch: Beide Seiten des Konflikts tragen ihren Teil dazu bei, dass die Spaltung sich vertieft.

Auf der einen Seite setzt sich die Integration der Volksrepubliken in russische Strukturen fort, etwa mit der Ausgabe russischer Pässe, der Einführung des Rubels als lokale Währung oder auch durch die Kontrolle über die Wirtschaft in der Region. Auf der anderen Seite hat die ukrainische Regierung Zahlungen aus der Sozialversicherung an die Bewohner der besetzten Gebiete gestoppt und blockiert den Transport von Kohle aus den Volksrepubliken.

Insbesondere für die Donbass-Region der Ukraine, die von der De-facto-Grenze zerschnitten wird, könnte man daher vermuten: Die Distanz zu den Menschen auf der anderen Seite wächst. Wie sehr, das ist eine zentrale Frage des ZOiS-Umfrageprojekts. Die jüngsten Ergebnisse spiegeln wider, welche Wirkung der Krieg auf die Identitäten und Einstellungen der Bewohner hat – sowohl in dem Teil des Donbass, der von den sogenannten Separatisten kontrolliert wird, als auch auf der anderen Seite der Frontlinie, wo die Regierung in Kiew ihren Einfluss behalten hat.

Eher ukrainische Staatsbürger als alles andere

Die erste Erkenntnis der Befragungen von 2.400 Menschen, die im November und Dezember unternommen wurden: Der Austausch zwischen den geteilten Gebieten ist alles andere als abgebrochen. "Die Intensität der Kontakte zwischen Familienmitgliedern und Freunden über die Frontlinie hinweg ist ein mächtiger Kontrapunkt zum Handeln der Kriegsparteien", sagt Gwendolyn Sasse, wissenschaftliche Direktorin des ZOiS und Autorin der aktuellen Studie. Für viele gehört der Weg auf die jeweils andere Seite zur täglichen Routine, auch darüber hinaus ist der Austausch extrem eng, nur drei bis vier Prozent der Befragten auf beiden Seiten geben an, im Moment überhaupt keinen Kontakt nach drüben zu haben.

Für die Mehrheit der Bewohner des Donbass hat sich an ihrer Identität durch den Krieg und die Teilung nichts verändert: Knapp 62 Prozent auf der Regierungsseite sagen das und 45 Prozent auf der Seite der Volksrepubliken. Wenig überraschend ist, dass die Einschätzung, man fühle sich jetzt "mehr russisch", vor allem in den Volksrepubliken vertreten ist (26 Prozent; bei den anderen Donbass-Bewohnern nur etwas mehr als 3 Prozent). "Mehr ukrainisch" fühlen sich in den besetzten Gebieten nur 8,5 Prozent, im von der Regierung kontrollierten Teil sind es 20,5 Prozent. Ein größerer Teil der Befragten auf beiden Seiten (gut 14 Prozent auf Regierungsseite/gut 20 Prozent in den Volksrepubliken) ist derweil durch die Ereignisse der vergangenen Jahre stärker davon überzeugt worden, sowohl ukrainisch wie auch russisch zu sein.

Anders als in den besetzten Gebieten, wo der fehlende Zugang nur eine telefonische Befragung zuließ, wurden die Donbass-Bewohner im Regierungsteil persönlich aufgesucht. Sie konnten deshalb auch noch detaillierter befragt werden. Mehr als 50 Prozent gaben dabei an, ihre primäre Identität sei die ukrainische Staatsbürgerschaft – sowohl jetzt als auch vor fünf Jahren. Alle anderen Antworten, etwa "ethnischer Ukrainer", "ukrainischsprachig" oder "Person aus dem Donbass" spielen sich weitgehend im einstelligen Prozentbereich ab. "Das zeigt, dass eine staatsbürgerliche Identität bereits vor dem Krieg gegenüber ethnischen oder regionalen Identitäten überwog und dass sie über die Erfahrung des Kriegs hindurch intakt geblieben ist", sagt Sasse. In den Volksrepubliken wurde auch noch gezielt nach der ukrainischen Staatsbürgerschaft nachgefragt: Dabei gaben 54 Prozent an, sie fühlten sich nun weniger als ukrainische Staatsbürger als vor 2013; 8 Prozent fühlen sich demnach mehr als ukrainische Staatsbürger als vorher; für gut 38 Prozent hat sich nichts verändert in dieser Frage.