Nachrichten aus der Ukraine sind selten gut. Ende April ist erstmals ein OSZE-Mitarbeiter gestorben. Sein Wagen rollte vermutlich auf eine Anti-Panzer-Mine im Separatistengebiet. Das Fahrzeug ist vollständig zerstört, die Untersuchung dauert noch an. Joseph Stone hieß der 36-jährige Mediziner. Ich finde den Namen wichtig, denn weit weg in den USA wartet sein Bruder Matthew darauf, ihn zu beerdigen. Etwa zwei Wochen später sehe ich im Fernsehen, wie Wladimir Putin und Angela Merkel in Sotschi am Minsker Friedensabkommen festhalten. Es taugt offenbar zur Beruhigung, aber nicht zur Lösung der Situation in der Ostukraine.

In den vergangenen Jahren waren der Fotograf Sebastian Bolesch und ich viel im Osten des Landes unterwegs. Wir haben uns oft erzählt, was wir erlebt hatten. Das half, die Flut an Unverständlichem zu ordnen und die Emotionen zu erden. Die Bilder nisten sich dann nicht zu tief in die Seele ein. Auch dieses Mal reden wir lange. Über Mühe und über Vergeblichkeit, über die Arbeit der OSZE, über die Lage in der Ostukraine. Wir rutschen ab in eine dieser "Weißt du noch?"-Diskussionen, in denen sich Erinnerungen für einen Moment verdichten.

Weißt du noch, als die Proteste in Donezk angefangen haben? Als die Kohlekumpel, für die ich erst eine amerikanische Agentin war, dann doch mit mir diskutiert haben und mich schließlich zu sich nach Hause eingeladen haben? Es war ja Internationaler Frauentag. Weiß du noch, als beim Abschuss der MH17 überall diese toten Körper zerstreut waren, aber die Duty-free-Whiskeyflaschen aus dem Handgepäck heil in den Sonnenblumenfeldern lagen? Weißt du noch, der Grad-Beschuss? Weißt du noch, der Bunker?

Der Bunker. Er liegt am Rande von Donezk, einer Stadt unter Separatistenkontrolle, und ist ein Überbleibsel des Kalten Krieges. Damals hob man vier Meter unter der Erde Schutzräume aus, falls die Amerikaner doch mit Atomwaffen zuschlügen. An den Wänden hingen Propagandabilder mit kriegerischen Helden, die Grad-Raketen gegen den Feind abfeuern.

Es war Oktober 2014, als wir dort Schutz suchten. Offiziell herrschte seit sechs Wochen Waffenruhe. Kaum waren wir unter der Erde, krachte es. Mörser schlugen über uns ein. Blasse Kinder spielten auf kaltem Boden. Bei den Detonationen zuckten sie kaum zusammen. Das Grollen über ihren Köpfen war so alltäglich geworden wie der Husten in der Abendkälte. Die Menschen hatten Bänke zu Betten zusammengeschoben. Es roch nach Krankheit. Der Raum war kalt, feucht, ein Kleinkind weinte, es hatte einen wunden Po. Windeln gab es keine. Medikamente oder genug Essen auch nicht.

Hier unten harrten Leute von beiden Seiten der Front aus. Die einen waren für die Regierung in Kiew, die anderen strikt gegen sie. Eines aber teilten sie: Sie fühlten sich betrogen.

Man versprach ihnen Frieden und gab ihnen dieses Bunkerleben. Es hieß, das Abkommen namens Minsk 1 würde den Krieg beenden. Also trauten sie sich raus aus dem Bunker, machten sich auf den Weg nach Hause. Doch kaum dort angekommen, begann das Schießen von Neuem. Die Zeitungen titelten: Das Minsker Abkommen hält.

Wir haben Schlimmeres gesehen und Gefährlicheres erlebt, und ich habe Menschen kennengelernt, denen es schlechter geht. Und doch haben sich die Bilder aus jenem Herbst 2014 so eingebrannt wie keine anderen. Vor allem die Erinnerung an Tarana. Sie trug noch ihren Arbeitskittel, als wir sie kennenlernten, so plötzlich musste sie Schutz suchen. Tarana stammt aus Aserbaidschan. Vor gut einem Vierteljahrhundert kam sie in die Ukraine. Ihr herzkranker Mann schlich stumm wie ein Gespenst umher. Wir brachten ihnen Medikamente und Essen. Zum Abschied wollte Tarana mir eine Kunstperlenkette schenken. Ich wollte sie erst annehmen, wenn wir uns in friedlichen Zeiten wiedersehen würden. Also gab mir Tarana ihre Telefonnummer.

Ein paar Mal habe ich sie angerufen, doch irgendwann war die Nummer tot. Dann hörte ich von Kollegen, sie hätten die Frau mit dem markanten Gesicht gesehen. Es ginge ihr den Umständen entsprechend, Hilfsorganisationen würden sich gelegentlich kümmern. Das war 2015. Doch irgendwann wusste niemand mehr etwas über Tarana. Ich selbst kann wegen eines Einreiseverbots nicht mehr hinfahren.