Kiew, Maidan, da wo vor gut drei Jahren angeschossene Demonstranten am Boden verbluteten und Halbtote die Straße hinauf in die Lobby des Vier-Sterne-Hotels Ukraina getragen wurden, genau da wird jetzt Softeis geschleckt. Paare stehen hier, die schmusen, und ein paar Straßenmusiker, die musizieren. Einer spielt Geige: Hallelujah von Leonard Cohen.

Beim Finale des Eurovision Songcontests hätte er damit wohl keine Chance. Doch zum Wandel dieses Landes passt der Song. Wenn es einen Gott gibt, hat er in den vergangenen fünf Jahren den Ukrainern eine Menge zugemutet, wohl mehr als jedem anderen Volk Europas. Im Sommer 2012 richtete das Land zusammen mit Polen die Fußballeuropameisterschaft aus. Damals lief der Ball, Bier und Wodka flossen unbeschwert. Heute ist es ein vergleichbares Großereignis, der ESC, der in der Ukraine ausgetragen wird. Aber zwischen den beiden medial inszenierten Events wurde das Land politisch einmal komplett umgedreht, mit Gewalt umgekrempelt, könnte man sagen, von Ost nach West.

Es begann schon wenige Wochen nach der EM. Der damalige Präsident Wiktor Janukowitsch ließ im Herbst 2012 bei der Parlamentswahl etwas zu offensichtlich Stimmen für seine Partei der Regionen kaufen. Den Wahlsieg hatte er dadurch sicher, die Wut der Bevölkerung auch. Ein Jahr später, Ende 2013, ließ er Studentenproteste in Kiew durch die Polizei niederknüppeln. Die Antwort der Ukrainer war die zweite Revolution innerhalb von zehn Jahren, die blutigere von beiden. Dann folgten neben den Neuwahlen des Präsidenten und des Parlaments, Reformen der Justiz, der Verfassung, ein Dezentralisierungsprozess, das Zusammenlegen von Gemeinden, eine neue Polizei, neue Antikorruptionsbehörden, neue Parteien, neue NGOs, Hilfsprogramme der Weltbank, des Internationalen Währungsfonds, der EU. Und mittendrin immer dieser Krieg mit dem einstigen Brudervolk.

Die Stadt hat sich rausgeputzt

Wladimir Putin ließ die Krim annektieren und den Konflikt im Osten der Ukraine vorbereiten. Mehr als 10.000 Menschen fielen in den Kämpfen in den Gebieten rund um Donezk und Luhansk bisher, fast täglich werden es mehr. Der Flughafen und das Fußballstadion in Donezk, beide zur EM 2012 neu aufgebaut, sind mittlerweile Symbole eines Krieges, der vor drei Jahren in Europa ausbrach und immer noch anhält. Das Leid der Verletzten, die Trauer um die Gefallenen, die Wut der Enteigneten, die Orientierungslosigkeit der Geflohenen, die Dramen in den zerrissenen Familien – eine Liste mit den Abscheulichkeiten, die seit der Fußball-Sommer-Party geschahen, ist lang und niederschmetternd. Warum das alles? Weshalb? Gibt es etwas, weswegen sich all das irgendwie gelohnt haben kann?

Vitali Klitschko, der Bürgermeister der Stadt, kommt vorbei. Er lacht, schüttelt ein paar Hände, bevor er weiter Richtung Rathaus geht. Er war im Sommer 2012 auch dabei, als Deutschland gegen Italien verlor und Spanien Europameister wurde. In diesem Jahr hat sich Klitschko dafür stark gemacht, dass der ESC in der ukrainischen Hauptstadt und nicht am Schwarzen Meer in Odessa ausgetragen wird. Deshalb ließ er die Brunnen auf dem Maidan erneuern. Das Wasser springt jetzt abends höher als sonst und funkelt zu Lautsprechermusik in verschiedenen Farben. Die Stadt hat sich rausgeputzt. Die Blumenbeete sind hergerichtet. Die immer noch neu wirkenden, sauber polierten Polizeiautos von Toyota rollen leise über die Pflastersteine des Maidans. Sie fahren mit Hybridantrieb, so als wäre es nie anders gewesen.

Nur das Gewerkschaftshaus, das den Maidan Richtung Nordosten begrenzt, ist seit dem Brand während der Revolution noch nicht wieder ganz restauriert. Um die Arbeiter vor den Blicken der Musik-Touristen zu schützen, hat Klitschko ein neues gigantisches Plakat vors Baugerüst montieren lassen. "Freiheit ist unsere Religion" steht da in Buchstaben, die größer als die einstigen Barrikaden des Maidans sind.

Freiheit, das ist ein großes Wort. Und was immer es genau bedeutet, darum ging es in der Ukraine seit Langem, auch bei der letzten Revolution. Seit Jahrzehnten kämpft das Land um seine Unabhängigkeit, seine Selbstbestimmung, mal gegen die Polen, mal mit oder auch gegen die Deutschen. Und an der Bruder-Metapher ist schon was dran. Russland war lange Zeit der größere, stärkere in der sowjetischen Familie. Geschwisterstreit gab es jedoch schon lange vor der Revolution.