Kiew, Maidan, da wo einst angeschossene Demonstranten am Boden verbluteten und Halbtote die Straße hinauf in die Lobby des Vier-Sterne-Hotels Ukraina getragen wurden, genau da wird jetzt in der Mai-Sonne Softeis geschleckt. Paare stehen hier, die schmusen, und ein paar Straßenmusiker, die musizieren. 

Einer spielt Geige, ein Leonard-Cohen-Lied:

"There's a blaze of light in every word,
It doesn't matter which you heard,
The holy or the broken hallelujah,

Hallelujah,
Hallelujah,
Hallelujah ..."

Am Sonntag beim Finale des Eurovision Songcontests hätte er damit wohl keine Chance, zu wenig Pop. Doch zum gesellschaftlichem Gesamtbild der Ukraine passt der Song irgendwie. Wenn es einen Gott gibt, dann hat er den gut 40 Millionen Ukrainern in den vergangenen fünf Jahren eine Menge zugemutet, wohl mehr als jedem anderen Volk Europas. Zwischen der  Fußball-EM 2012 und dem Eurovision Songcontest 2017 wurde das Land politisch einmal komplett umgedreht. Man könnte auch sagen: mit Gewalt umgekrempelt, von Ost nach West.

Rückblende: 2012. Nach dem Fußballfest der Uefa lässt der damalige Präsident Wiktor Janukowitsch bei der Parlamentswahl etwas zu offensichtlich Stimmen für seine Partei der Regionen kaufen. Den Wahlsieg hat er dadurch sicher, die Wut der Bevölkerung auch. Sie wächst immer weiter. Bis die Polizei im November 2013 Studentenproteste in Kiew niederknüppelt. Die Antwort der Ukrainer lautet jetzt: Revolution. Es ist die zweite innerhalb von zehn Jahren, die blutigere von beiden. Es folgen Neuwahlen für das Präsidenten-Amt und das Parlament, eine Reform des Justizsystems, der Verfassung, ein Dezentralisierungsprozess, das Zusammenlegen von Gemeinden, eine neue Polizei, neue Parteien, Hilfsprogramme der Weltbank, des Internationalen Währungsfonds und der EU. Und mittendrin: der Krieg mit dem einstigen Brudervolk. 

Die Stadt hat sich rausgeputzt

Mehr als 10.000 Menschen fielen in den Kämpfen in den Gebieten rund um Donezk und Luhansk bisher, fast täglich werden es mehr. Die Ruinen des Flughafens und des Fußballstadions in Donezk, beide zur EM 2012 neu aufgebaut, sind mittlerweile Symbole eines Krieges, der vor drei Jahren im Herzen Europas ausbrach und immer noch wütet.    

Das lange Leid der Verletzten, die Trauer um die Gefallenen, die Wut der Enteigneten, die Orientierungslosigkeit der Geflohenen, die Dramen in den tausenden zerrissenen Familien – eine Liste mit den Abscheulichkeiten, die die Ukrainer verkraften mussten, ist lang und niederschmetternd. Aber Warum? Weshalb? Wieso so viel Blut, so viele Tränen? Für was?

Gibt es etwas, weswegen sich all das irgendwie gelohnt haben könnte?

Zurück auf den Maidan. Vitali Klitschko, Bürgermeister der Stadt, kommt vorbei. Er lacht, schüttelt ein paar Hände, bevor er weiter Richtung Rathaus geht. Seit Monaten hat sich Klitschko dafür stark gemacht, dass der Eurovision Songcontest in diesem Frühjahr in der ukrainischen Hauptstadt ausgetragen wird. Er nutzte dafür seine Kontakte aus der Zeit als Profisportler und ließ die Brunnen auf dem Maidan erneuern. Das Wasser springt jetzt abends höher und funkelt dabei zu klassischer Musik in verschiedenen Farben.

Die Stadt hat sich rausgeputzt, wie es so schön heißt. Die Blumenbeete sind hergerichtet. Die Düfte von süßem Parfüm liegen in der Luft. Und die immer noch neu wirkenden, sauber polierten Polizeiautos von Toyota rollen leise über die Pflastersteine des Maidans. Sie fahren mit dem Strom eines Hybridantriebes, so als wäre es nie anders gewesen.

Nur das Gewerkschaftshaus, das an den Maidan grenzt, ist seit dem Brand während der Revolution noch nicht wieder restauriert. Ein gigantisches Plakat verdeckt die Ruine: "FREIHEIT IST UNSERE RELIGION" steht da drauf in Buchstaben, die größer sind als die einstigen Barrikaden des Maidans.

Freiheit, das ist ein großes Wort. Und was immer es genau bedeutet, darum ging es in der Ukraine seit Langem. Seit Jahrzehnten kämpft das Land um seine Unabhängigkeit, seine Selbstbestimmung, mal gegen die Polen, mal mit oder auch gegen die Deutschen. Oft mit tiefem Groll gegen die Machthaber im benachbarten Russland. Schon Josef Stalin trug die Hauptverantwortung für den Tod durch Hunger von Millionen Ukrainern. Holodomor nennt sich dieser Teil der Geschichte, der wie ein Mahnmal für die Unmenschlichkeit des vergangenen Jahrhunderts steht.