Wenn die Niedertracht zur Normalität wird, dann kann es wirklich gefährlich werden. Und wenn dann auch noch die Unfähigkeit hinzukommt, wichtigste Staatsgeheimnisse zu bewahren, dann brennt es lichterloh.

So langsam hatte man begonnen, sich an den täglichen Irrsinn im Weißen Haus zu gewöhnen. Wer hat das nicht bei sich selbst beobachtet? Als sich nach hundert Tagen Donald Trump die Welt immer noch drehte, beruhigte man sich: Vielleicht alles doch nicht so schlimm. Bloß keine Hysterie.

Dann entließ Trump FBI-Direktor James Comey. Und als hätte sich eine Hornisse auf die Frühstücksmarmelade gesetzt, war man plötzlich hellwach. Trump selbst hatte uns Arglose aus dem Schlummer gerissen. Und wir wussten sofort wieder: Diese Präsidentschaft bedroht wirklich die US-amerikanische Demokratie.

Ermittlungen wegen Russland - Trump soll Comey unter Druck gesetzt haben US-Präsident Donald Trump soll mehreren Medienberichten zufolge versucht haben, die Ermittlungen des FBI gegen sein Team zu verhindern. Ex-FBI-Chef James Comey habe es so notiert. © Foto: Andrew Harrer-Pool/Getty Images

Die Entlassung als solche ist nicht das Skandalon. Es sind die Lügengespinste, mit der sie begründet wurden. Es ist die unverfrorene Drohung, die Trump per Tweet nachschob: "James Comey sollte besser hoffen, dass es keine 'Tonaufnahmen' von unseren Gesprächen gibt, bevor er mit Durchstechereien an die Presse beginnt."

Den Bogen überspannt

"Das ist die Sprache der Camorra", entsetzte sich der in seiner Zuneigung zu Amerika schwer zu beirrende Springer-Chef Mathias Döpfner in der Welt am Sonntag. In der Tat, so spricht die Mafia. Und dieser Eindruck verstärkt sich, wenn man liest, was Vertraute Comeys über ein Abendessen berichten, zu dem Trump den FBI-Chef sieben Tage nach seinem Amtsantritt ins Weiße Haus bat. Mehrmals, so erzählte es Comey nach dem Dinner, habe der Präsident von ihm persönliche "Loyalität" gefordert. Die aber habe er Trump nicht versprechen können, allenfalls "Ehrlichkeit".

Donald Trump, so zeigt sich wieder, hat keinen Sinn für den Dienst am öffentlichen Wohl, für die Verpflichtung hoher Beamter allein auf die Verfassung und auf die Gesetze. Er fordert Gefolgschaft, ja Unterwerfung. Wer sich mit ihm einlässt, ist im Zweifel rasch verloren. So wie seine Pressesprecher, die er erst nicht richtig informiert und dann in aller Öffentlichkeit desavouiert. Oder wie der entlassene FBI-Chef, den Trump aufgefordert haben soll, die Russlandermittlungen einzustellen.

Man hatte sich an einiges gewöhnt. Trump hatte Richter, die ihm Grenzen setzten, als "sogenannte Richter" denunziert. Hatte Journalisten, die nach der Wahrheit forschten, als Produzenten von Fake-News verleumdet.

Jetzt aber könnte er den Bogen überspannt haben. Man spürt es daran, dass der Widerspruch lauter wird. Nein, James Comey habe im FBI keineswegs die Unterstützung der Mitarbeiter verloren, sagt der amtierende FBI-Direktor vor dem Kongress. Nein, Comey habe sich untadelig verhalten, erklärt der Vorsitzende des Geheimdienstausschusses im Senat, der Republikaner Richard Burr, und verkündet: Die Untersuchung von Verbindungen zwischen dem Trump-Lager und dem Kreml geht weiter. Und wegen der neuesten Vorwürfe, die Einstellung der Ermittlungen gegen seinen früheren Sicherheitsberater Michael Flynn verlangt zu haben, werden auch die Republikaner im Repräsentantenhaus aktiv: Der zuständige Ausschussvorsitzende verlangte vom FBI eine Übergabe aller Dokumente und Aufzeichnungen der Kommunikation zwischen Comey und Trump.