Sie reden wieder miteinander, als wäre nichts gewesen. Am Dienstag telefonierten Donald Trump und Wladimir Putin zum ersten Mal, seit die USA mehrere Dutzend Cruise-Missiles auf einen Luftwaffenstützpunkt der syrischen Armee abgefeuert hatten. Keiner der beiden erwähnte den Raketenangriff vom 6. April. Auch nicht die Giftgasattacke auf die oppositionelle Stadt Chan Scheichun, die ihm vorausgegangen war und kurz internationale Empörung hatte aufflackern lassen.

Thema sei vielmehr die Einrichtung von Schutzzonen in Syrien gewesen. Die US-Regierung unterstütze die Idee, erklärte Putin nach dem Telefonat, "soweit ich das beurteilen kann". Denn so genau weiß man in Moskau eben auch nicht, was Donald Trump wann und warum unterstützt.

"Präsident Trump und Präsident Putin sind sich einig, dass das Leiden in Syrien schon viel zu lange anhält, und dass alle Parteien alles in ihrer Macht Stehende unternehmen müssen, um es zu beenden." So lautete die amerikanische Zusammenfassung des Gesprächs. Die Menschen in Chan Scheichun, so sie nicht gerade vor russischen und syrischen Bomben in Deckung gehen müssen, werden sich fragen, ob sie lachen oder weinen sollen.

Syrien - USA sehen Einigung auf Schutzzonen skeptisch Die USA haben Zweifel an der Einigung auf Schutzzonen bei den Syrien-Friedensgesprächen in Astana geäußert. Die Vereinbarung von Russland, dem Iran und der Türkei gebe Anlass zur Sorge, so das Außenministerium. © Foto: Kirill Kudryavtsev/AFP/Getty Images


Die Wiederannäherung Trumps an Putin hat nichts mit einem genuinen Interesse der beiden für die syrische Zivilbevölkerung zu tun. Er hat auch nichts damit zu tun, dass sich der amerikanische und der russische Präsident plötzlich über den Hergang der Ereignisse an jenem 4. April in Chan Scheichun einig geworden wären. Sie hat schlicht mit globalem Powerplay zu tun.

Die Beweise für den C-Waffen-Angriff des syrischen Regimes, bei dem am 4. April in der Kleinstadt Chan Scheichun über 80 Menschen starben, sind inzwischen erdrückend. Dass es sich bei dem Kampfstoff um ein sarinartiges Nervengas handelte, haben Untersuchungen von Überlebenden in türkischen Krankenhäusern ergeben, die von der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) bestätigt wurden. 

Das Regime führt auch einen C-Waffen-Krieg

Bodenproben aus Chan Scheichun ergaben nach Analysen in Frankreich die genauere Herstellungsweise des eingesetzten Kampfstoffes, die identisch ist mit der des syrischen Regimes – und mit den C-Waffen-Spuren, die im Sommer 2013 nach einem Giftgasangriff auf oppositionelle Gebiete in der der Region Ghuta nahe Damaskus mit über 100 Toten gefunden worden waren. Nach Angaben des Außenministeriums in Paris haben die französischen Analysen zudem ergeben, dass das Nervengas am 4. April mit der bei Luftangriffen benutzten Munition freigesetzt worden war. Keine Rebellenfraktion verfügt über eine Luftwaffe.

Verabredete Schutzzonen in Syrien

Provinz liegt komplett in der Schutzzone Provinz liegt teilweise in Schutzzone


Damit wäre die russische Version endgültig obsolet, wonach die syrische Luftwaffe am 4. April Waffenlager Al-Kaida-naher Rebellen bombardiert und dabei deren C-Waffen-Vorräte getroffen habe. Nervengase wie Sarin verlieren dramatisch an Wirkung, wenn sie durch eine Explosion in Flammen aufgehen. Luftaufnahmen wie auch die Recherche eines Reporters des britischen Guardian vor Ort zeigten zudem, dass die von russischen Militärs als angebliche C-Waffen-Lager ausgewiesenen Gebäude in Chan Scheichun keine aktuellen Spuren von Bombardements aufwiesen und Ziegen-und Kuhdung enthielten, aber keine Reste von chemischen Kampfstoffen.


Wer Erkenntnissen von Geheimdiensten, um solche handelt es sich bei den französischen Ergebnissen, grundsätzlich nicht glauben mag, findet die bislang ausführlichste Untersuchung in einem gerade erschienen Bericht von Human Rights Watch (HRW). Basierend auf Dutzenden von Interviews mit Augenzeugen sowie Auswertungen von Luftaufnahmen, Fotos und Videos von der Einschlagstelle, warf laut HRW ein syrischer Kampfbomber am 4. April gegen 6.45 Uhr morgens eine KhAB-250-Bombe sowjetischer Bauart über Chan Scheichun ab, die eigens für den Einsatz von C-Waffen konstruiert worden ist.

Der 48 Seiten lange Bericht enthält außerdem Beweise für drei weitere C-Waffen-Angriffe des Regimes mit Nervengas in den vergangenen fünf Monaten, darunter zwei Attacken in der Provinz Hama im Dezember vergangenen Jahres, bei denen über 60 Menschen getötet worden waren. Luft- und Artillerieangriffe mit Chlorgas – so die HRW-Recherche – seien systematischer geworden. Chlorgas löst Hustenanfälle, Erbrechen sowie Erstickungsangst aus, führt aber auch immer wieder zum Tod.