Sonntagmorgen in Paris, Punkt acht Uhr. Ein junger Mann stolpert aus einem Café, an seiner Hand eine Frau, sie torkeln gemeinsam die Rue du Faubourg du Temple hinauf, Richtung Belleville. Die letzten Gäste werden aus den Cafés und Clubs nach Hause geschickt, vom langen Samstagabend. Aus einer Brasserie hört man einen laut gedrehten Fernseher, "… und um zehn Uhr will François Hollande im zentralfranzösischen Tulle seine Stimme abgeben". Der junge Mann zieht seine Bekanntschaft an sich heran. "Hey, es ist ja schon acht!", sagt er. "Sollen wir wählen gehen?"

870 Wahllokale haben in Paris geöffnet, das nächste ist nur eine Ecke weiter. Rue Alibert, Ecke Parmentier, direkt neben dem Café Le Carillon, das bei den Anschlägen auf Paris traurige Berühmtheit erlangte und in dem heute, wiederhergestellt und neu gestrichen, den ersten Gästen des Tages Kaffee serviert wird.

In Frankreich beginnt der Wahlsonntag. Und die Wahl ist wirklich überall, in den Straßen, den Cafés, den Zeitungsständen.

Und in der Metro. Auf den Treppen zur Station Belleville bettelt eine obdachlose Frau, eingehüllt in mehrere Jacken, und lächelt. "Geh schön wählen", rät sie einem Passanten, der ihr eine Münze in den Becher fallen lässt. Auf der Plattform löst gerade ein Schaffner den anderen ab. Der Mittfünfziger, für den der Wahlsonntag jetzt Feierabend ist, lehnt sich in das Kabinenfenster und sagt dem anderen: "Der gewinnt schon! Da wette ich 200 Euro drauf."

Stichwahl in Frankreich - David wählt...Macron, wollte aber Fillon Wegen eines Scheinbeschäftigung-Skandals hat Davids Favorit François Fillon es nicht in die Stichwahl geschafft. Jetzt ist er Macron-Fan. © Foto: Ana-Marija Bilandzija

Eine Enthaltung ist am gefährlichsten

Zwei Stationen weiter, an der Place de la République, sind für Montag schon die ersten Demonstrationen gegen den neuen Präsidenten, wer auch immer es sein mag, angesagt. Unter dem Banner "Ni Macron, Ni Le Pen": weder, noch. Ein junger Mann schützt sich an einer Bushaltestelle vor dem Regen und telefoniert. "Das entscheide ich spontan", sagt er. "Später dann." Gemeint ist: ob er überhaupt wählen geht.

Die Enthaltung ist die größte Gefahr dieser Wahl. Vor allem hier. Die linke Seine-Seite ist eine der Hochburgen von Jean-Luc Mélenchon. Seine France insoumise wurde hier zweitstärkste Kraft. Zwei Drittel seiner Wähler wollen sich enthalten. Unter den jungen Wählern sind es noch mehr.

"Meine Facebooktimeline ist voll mit Leuten, die ankündigen, nicht zu wählen", sagt Lucie, eine Mittzwanzigerin. "Ich weiß, keiner von denen will Le Pen haben." Es mache sie wütend, dass, nicht wählen zu gehen, so akzeptiert sei. Für sie sei selbstverständlich, Macron zu wählen, um Le Pen zu verhindern.

Das häufigste Argument der Nichtwähler ist, dass man Macron keine zu große Legitimität geben wolle. So wie es 2002 mit dem Rechten Jacques Chirac passierte, der gegen Marine Le Pens Vater in der Stichwahl stand und mit den Stimmen der Linken und Gemäßigten mit 80 Prozent gewann. Und dann diese Wähler wieder ignorierte und ein normales, rechtes Programm für seine Stammwähler durchsetzte.

Stichwahl in Frankreich - Affiss wählt ... vielleicht gar nicht Der Student aus Paris glaubt, dass er es sich erlauben kann, nicht zu wählen. © Foto: Ana-Marija Bilandzija