Die Chancen des liberalen Newcomers Emmanuel Macron stehen gut. Umfragen sagen voraus, dass er mit 60 Prozent der Stimmen am Sonntag die französischen Präsidentschaftswahlen gewinnt. Die rechtsextreme Marine Le Pen konnte in den vergangenen beiden Wochen Punkte zulegen, aber sie scheint zu weit abgeschlagen, um noch aufzuholen.

Dennoch gibt es ein Szenario, das Macrons Sieg in Gefahr bringen könnte. Paradoxerweise hat das Szenario etwas mit Macrons guten Umfragewerten zu tun. Sie könnten nämlich viele Franzosen davon abhalten, am Wahltag für ihn zu stimmen. Denn seine Anhänger verlassen sich auf Meinungsforscher, deren Prognosen sich in der ersten Wahlrunde in Frankreich als richtig herausstellten. Die Institute hatten Macron als Ersten, Le Pen als Zweite, den konservativen Francois Fillon als Dritten dicht gefolgt vom linken Jean-Luc Mélenchon vorhergesehen – und bei allen vieren recht behalten.

Die meisten Wähler sind deshalb davon überzeugt, dass Macron gewinnen wird – sie fühlen sich nicht mehr genötigt, ihm ihre Stimme gegen Le Pen zu geben. "Der Front National macht heute weniger Angst als noch 2002, als alle Parteien zur Wahl von Jacques Chirac aufgerufen haben. Die Mehrheit der Franzosen möchte, dass Macron gewinnt. Aber sie glauben, ihre Stimmen seien unwichtig und bleiben deshalb zu Hause", sagt Emmanuel Rivière, Direktor des Umfrageinstituts Kantar Public. "Dabei lag Jean-Marie Le Pen damals viel weiter zurück als seine Tochter heute." Rivière glaubt an einen Rekordtiefpunkt bei der Wahlbeteiligung. Denn viele linke Wähler würden zwar wollen, dass Macron gewinnt. Allerdings würden sie aber auch nur auf einen knappen Vorsprung hoffen, um Macrons wirtschaftsnahes Programm abzustrafen. Ein Kalkül mit großem Risiko.

Stichwahl in Frankreich - Macron wählen, um Le Pen zu verhindern? Die Stichwahl in Frankreich stellt viele Gegner des Front National vor ein Dilemma: Sollen sie strategisch wählen, auch wenn sie Macron eigentlich ablehnen? © Foto: Zeit Online

Macrons Anhänger fahren in Urlaub statt zur Wahl

Denn noch dazu ist in Frankreich der auf die Wahl folgende Montag ein Feiertag – über die Kapitulation des deutschen Naziregimes. Traditionell fahren viele Franzosen über diese Tage weg, besuchen Familie oder nehmen von Paris aus den Zug zu den Stränden in der Bretagne. Marine Le Pen hingegen hat sehr treue Anhänger, in Umfragen sagen mehr als 80 Prozent, dass sie "auf jeden Fall" wählen gehen werden. Da sie zum ersten Mal überhaupt die Chance hat, Präsidentin zu werden, werden ihre Anhänger vermutlich besonders motiviert sein, zur Wahlurne zu gehen.