Einige Dutzend Männer und Frauen drängen sich vor dem Gewerkschaftsgebäude neben dem Euston-Bahnhof im Zentrum von London. Eine Frau am Eingang geht eine lange Namensliste durch, die sich über mehrere Seiten zieht. Einlass bekommen nur diejenigen, die sich zuvor online registriert haben. Sie entschuldigt sich immer wieder dafür, dass es so lange dauert. "Der Andrang heute ist wirklich enorm", sagt sie und schaut verzweifelt zu ihrer Kollegin.

In dem großen Versammlungsraum sind schnell sämtliche Stühle vergeben. Einige Teilnehmer der Veranstaltung setzen sich auf den Boden, andere stellen sich in die Ecken. Sie alle sind Mitglieder der Labour-nahen Organisation Momentum, und sie sind Freiwillige: Bis zu den Parlamentswahlen Anfang Juni werden sie von Haus zu Haus gehen, um die Menschen davon zu überzeugen, Labour zu wählen.

Der heutige Redner, der sie dafür schulen soll, steht bereits vorne: der 27-jährige Jeremy Parkin. Er ist dünn, die braunen Haare sind kurz, er trägt einen Kinnbart. Auf seinem T-Shirt steht "Feel the Bern!". Parkin hat während der Vorwahlen der Demokraten in den USA im vergangenen Jahr in mehreren Bundesstaaten für die Kampagne des linken Senators und Clinton-Konkurrenten Bernie Sanders gearbeitet.

In den vergangenen zwei Jahren ist in der britischen Presse viel über Momentum geschrieben worden, nicht unbedingt viel Gutes. Die Organisation ist im Oktober 2015 aus der Unterstützungskampagne für die Wahl des Parteilinken Jeremy Corbyn zum Parteichef hervorgegangen und bezeichnet sich auf ihrer Website selbst als "Basis-Kampagnen-Netzwerk". Laut eigenen Angaben hat Momentum mehr als 24.000 Mitglieder und mehr als 200.000 Unterstützer. Kritiker stellen die Bewegung gern als Sammelbecken für Linksextreme dar, das versucht, Labour zu unterwandern und die Partei an den linken Rand zu drängen.

In Umfragen liegt Labour noch hinter den Konservativen

Wie eine Ansammlung trotzkistischer Verschwörer sieht das Treffen in dem Gewerkschaftsgebäude auf den ersten Blick jedoch nicht aus. Viele der Aktivisten sind älter, als man erwartet hätte. Der Strickjackenanteil ist hoch. Auch die meisten Studenten, die hier sind, entsprechen optisch nicht linksalternativen Klischees.

Die Stimmung ist gut. Noch vor wenigen Wochen lag Labour in Umfragen abgeschlagen hinter der regierenden konservativen Partei. Doch seit Corbyn vor wenigen Tagen das traditionell sozialdemokratische Wahlprogramm seiner Partei vorgestellt hat, holt Labour auf. Laut einer der jüngsten Umfragen hat die Partei innerhalb weniger Tage ganze acht Prozentpunkte zugelegt.

Eine Dame in den Fünfzigern erzählt, sie habe wegen der dauernden Negativberichterstattung über Corbyn vor einigen Tagen ihr Guardian-Abo gekündigt. Da das aber praktisch die einzige überregionale Tageszeitung des Landes links der Mitte sei, habe sie nun nichts mehr zu lesen. "Ist das nicht schade?" Als freiwillige Wahlwerberin stecke sie derzeit ein wenig in der Zwickmühle: Die Labour-Abgeordnete in ihrem Vorort von London habe den Brexit unterstützt. Das ärgere sie. "Aber was soll man machen." Dann wendet sie sich Jeremy Parkin zu.

Während oben die Veranstaltung beginnt, sitzt Rachel Godfrey Wood in einem Besprechungszimmer Keller. Die Kampagnen-Koordinatorin von Momentum sagt, es sei äußerst wichtig, jetzt an Türen zu klopfen und mit den Menschen zu reden. "Ein Grund dafür, dass Labour und viele sozialdemokratische Parteien ein Problem bekommen haben, ist, dass sie den persönlichen Kontakt zu den Leute verloren haben, die sie repräsentieren sollen. Und das überall in Europa." Die Parteien seien "zu technokratisch und distanziert" geworden und hätten sich zu sehr darauf verlassen, dass die Medien ihre Botschaft transportierten.