Irans Präsident Hassan Ruhani hat viel aufs Spiel gesetzt – und hat gewonnen. Er wurde mit Abstand wiedergewählt. Nach vorläufigem Wahlergebnis bekam der moderate Reformer 57 Prozent der Stimmen und damit ein deutliches Mandat, seinen Kurs der Entspannung und Öffnung des Landes fortzusetzen. Seinen Herausforderer, den Hardliner Ebrahim Raisi wählten nur 38,3 Prozent derer, die zur Wahl gegangen waren. Erstaunlich hoch war diesmal die Wahlbeteiligung – sie lag bei mehr als 70 Prozent.

Starke Nerven, taktisches Geschick und eine positive Ausstrahlung: Dafür ist Ruhani, 68 Jahre alt und Kleriker, bekannt. Für den Iran ist sein erkämpfter Triumph eine gute Nachricht. Die Bevölkerung stand vor der Wahl zwischen Rückkehr in die Isolation oder in die globale Arena. Sie hat sich klar entschieden: für politische Mäßigung nach außen und weitere gesellschaftliche Öffnung nach innen.

Dieser so klare Sieg des Reformers überrascht auch deshalb, weil von dem wirtschaftlichen Aufschwung seit dem internationalen Atomabkommen von 2015 beim Großteil der Bevölkerung bisher wenig angekommen ist. Mit dem Abkommen hatte sich der Iran vor zwei Jahren verpflichtet, sein Atomwaffenprogramm zurückzufahren und stärkere ausländische Kontrollen zuzulassen. Im Gegenzug hoben die Abkommenspartner Sanktionen auf, wodurch Handelsbeziehungen auflebten.

Mutige Selbstkritik am System

Seit den Turbulenzen 2009 – als es zu Massenprotesten gegen das bestehende Regime um den damaligen Amtsinhaber Mahmud Ahmadinedschad kam, Straßenschlachten ausbrachen, Tausende Menschen verhaftet wurden und mehrere Dutzend bei Unruhen ums Leben kamen – ging es in einem Wahlkampf im Iran nicht mehr so hoch her wie diesmal.

Noch nie wurden auf dem strikt kontrollierten politischen Spielfeld der Islamischen Republik so viele rote Linien überschritten, und zwar von beiden Lagern. Noch nie in der 38-jährigen Geschichte der Post-Chomeini-Nation hat ein Präsident die Missstände, den klerikalen Machtmissbrauch und die Justizwillkür so offen angeprangert wie in den letzten Wochen Ruhani. Es war dieser Mut, der am Ende so viele Wähler mobilisierte, dass der Amtsinhaber erneut im ersten Wahlgang die absolute Mehrheit errang.

Doch seine Kontrahenten schenkten ihm nichts. Sie verunglimpften Ruhani als einen Lakaien des Westens und einen Mann der falschen wirtschaftlichen Versprechen. Gleichzeitig vermied das konservative Lager eine Zerstrittenheit wie im Jahr 2013 und scharte sich um den Konservativen Ebrahim Raisi, einen politisch unerfahrenen Karrierejuristen, der als junger Mann Hunderte politische Gefangene im Minutentakt an den Galgen brachte. Am Ende jedoch reichte es nicht für ihr Machtkartell, das unter dem Deckmantel eines frommen Islam einen Parallelstaat bildet aus politischem Klerus, Regimejustiz, Staatsmedien, frommen Stiftungen und Revolutionären Garden.

Gleichzeitig unterstreicht das Votum, wie gespalten das Land ist, nicht nur politisch, auch religiös-ideologisch und sozial. Den Hardlinern laufen vor allem die ärmeren Schichten zu – Menschen auf dem Land oder an den Stadträndern, die sich in ihrer Not jedem Populisten anschließen, der ihnen etwas Erleichterung im Alltag verspricht. Und so entschieden sich bei dieser Wahl immerhin fast 40 Prozent mit ihrer Stimme für die Rückkehr zu alten Mustern, das heißt zu mehr staatlichen Almosen. Sie folgten dem "Tod für Amerika"-Getöse und dem hohlen Pathos der sogenannten Widerstandsökonomie, für die der Iran längst nicht mehr die Kraft hat.

Es fehlt eine junge Führungsschicht

So spektakulär der Sieg Ruhanis ist, er wird nicht reichen, um im vierten Jahrzehnt der Islamischen Republik eine fundamentale gesellschaftliche Öffnung durchzusetzen und das konservative Establishment aus einem Teil seiner gut befestigten Bastionen zu boxen. Die polarisierte Koexistenz wird auch unter den neuen Vorzeichen weitergehen. Ruhani bleibt das rational-moderate Gesicht gegenüber der Welt, während die Hardliner im Inneren mit Justiztyrannei, Medienzensur und Schattenhaushalten permanent dazwischengrätschen.

Ungeachtet ihrer ideologischen Differenzen stehen beide Lager in den nächsten Jahren vor demselben Dilemma: Egal ob bei Reformern, Pragmatikern oder Ultraorthodoxen, praktisch überall führen immer noch die Chomeini-Veteranen von 1979 Regie. Eine jüngere Führungsschicht aus den Reihen der später Geborenen dagegen ist nicht in Sicht. Längst stößt die Gründergeneration der Islamischen Republik an ihre biologischen Grenzen. Ob sie will oder nicht – in den nächsten Jahren muss sie das Staatsruder an die heute 40- bis 50-Jährigen abgeben.

Mit dem respektablen Abschneiden des 56-jährigen Ebrahim Raisi als Ruhani-Kontrahent ist nun der Kampf um die Nachfolge des 78-jährigen Obersten Revolutionsführers Ali Chamenei eröffnet. Und so steht, kaum ist der eine Machtkampf ausgefochten, bereits der nächste ins Haus.