Es ist nicht sicher, ob das Attentat in Kabul, bei dem mehr als 90 Menschen starben, der deutschen Botschaft galt. Die Bilder, die uns aus Kabul erreichen, sind jedenfalls erschreckend. Sie erinnern an die Anschläge auf die Botschaften der USA in Nairobi und Daressalam im Jahr 1998 oder – noch weiter zurückliegend – an den Anschlag auf die US-Botschaft in Beirut im Jahr 1983. Hunderte Menschen kamen ums Leben. Diese Erinnerung ist von hoher Symbolkraft.

Zwei Tage vor dem Anschlag in Kabul sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel im bayerischen Bierzelt: "Die Zeiten, in denen wir uns auf andere völlig verlassen können, sind ein Stück weit vorbei. Europa muss sein Schicksal selbst in die Hand nehmen!" Spätestens seitdem gilt Merkel vielen als die Führerin der freien Welt.

Angela Merkel - Europa muss sein Schicksal in die eigene Hand nehmen Bundeskanzlerin Angela Merkel hat die Europäer zu stärkerer Eigenständigkeit aufgerufen. Sie reagierte damit auf den Konflikt mit den USA auf dem jüngsten G7-Gipfeltreffen. © Foto: Michaela Rehle/Reuters

Wer aber die Welt führen will, der hat viele Feinde. Das ist eine Erfahrung, die die USA viele Jahrzehnte lang gemacht haben. Auch Deutschland wird sie jetzt machen. Kabul ist wahrscheinlich nur der Anfang. Das sollten alle mit in Rechnung stellen, die die Kanzlerin jetzt so loben.

Die harte amerikanische Erfahrung steht noch bevor

Der Attentäter von Kabul hat seine Bombe gewiss nicht als Reaktion auf Merkels Satz gezündet, doch seine mörderische Aktion galt auch einem Deutschland, das in den letzten Jahren mehr und mehr Verantwortung in internationalen Konflikten übernommen hat. Die Zeiten, in denen Deutschland als unbeteiligter und daher ehrlicher Makler wahrgenommen wurde, waren schon vor Merkels Bierzeltbemerkung lange vorbei. Deutschland ist seit mehr als 15 Jahren Kriegspartei in einem Krieg, den es selbst nie ausgerufen hat. Dem Krieg gegen Terrorismus.

Jetzt steht das Land an vorderster Front. Es wird mit Entscheidungen konfrontiert werden, die zu treffen es nicht gewohnt ist: Wie soll man sich in Libyen engagieren? Wie in Syrien? Mit welchen Mitteln? Wen soll man vor Ort unterstützen?

Deutschland wird sich die Hände schmutzig machen, so wie es die USA jahrzentelang getan haben. Nicht weil es das will, sondern weil es dazu oft keine Alternativen geben wird. Auch wenn es manchmal so scheint: Weder in Afghanistan noch in Syrien noch in Libyen gibt es auf der einen Seite die Guten und auf der anderen die Bösen. Es gibt kein Schwarz und kein Weiß – aber viel hässliches Grau.

Natürlich, Deutschland wird immer Europa sagen, wenn es von Führung spricht, aber das ändert wenig daran, dass dieses Land jetzt ganz anders über Krieg und Frieden sprechen wird müssen, als es das in der Vergangenheit tat. Die harte amerikanische Erfahrung hat Deutschland erst vor sich.