Es kommt selten vor, dass die Afghanen freiwillig einen Blick von oben auf ihre Stadt werfen. Sie werden nur auf ihre Dächer getrieben, wenn die Erde unter ihnen bebt und die Fensterscheiben ihrer Häuser zu scheppern beginnen. So wie am Mittwochmorgen, als plötzlich die halbe Stadt Treppen hinaufhastete und die Menschen sich mit angstvollem Blick um die eigene Achse drehten. Solange, bis sie ihre Befürchtungen in Form einer dunklen, grauschwarz aufsteigenden Rauchwolke bestätigt sahen.

Die gewaltige Explosion legte einen ganzen Straßenzug am Eingang des Diplomatenviertels in Schutt und Asche und riss einen mehrere Meter tiefen Krater in den Boden. Mindestens 90 Menschen starben, darunter mehrere Mitarbeiter der deutschen Botschaft. Die Botschaft, unweit vom Anschlagort gelegen, wurde erheblich beschädigt. Dass der Täter trotz der dort geltenden erhöhten Schutzvorkehrungen die Bombe zünden konnte, wirft Fragen nach den Sicherheitsstandards auf.

Von außen betrachtet könnten diese kaum höher sein. Die Stadt wird durch den sogenannten Ring of Steel, einem Gürtel aus 25 Checkpoints der afghanischen Nationalpolizei, gesichert. Dazwischen befinden sich weitere kleinere Kontrollpunkte an Kreisverkehren und vielen anderen Verkehrsknotenpunkten. Die Kabulis erinnern sich an keine Zeit, in der es mehr Präsenz von Sicherheitskräften in der Stadt gab als heute. Drei, manchmal gar fünf Meter hohe Sprengschutzwände säumen die Straßen über endlose Kilometer hinweg. Die Einfahrten von Regierungsgebäuden, Botschaften oder den Residenzen hochrangiger Politiker sind durch Schlagbäume und eigene Sicherheitsleute zusätzlich gesichert. Mehrere hoch über der Stadt fliegende Zeppeline mit Kameras überwachen alle Bewegungen. Vor allem rund um das Diplomatenviertel ist der afghanische Geheimdienst aktiv.

Explosion in Kabul

Im Diplomatenviertel von Kabul ist etwa 150 Meter von der deutschen Botschaft entfernt eine Autobombe explodiert.

Wie kann es da sein, dass sich die Anschläge wieder häufen?

Wie sehr man den rund 13.000 in Afghanistan verbliebenen internationalen Truppen, darunter gut 1.000 Soldaten der Bundeswehr, eine Mitschuld daran geben kann, ist umstritten. Ihre Aufgabe ist es, die afghanischen Sicherheitskräfte zu schulen. Hochrangige Vertreter der US-Behörden äußerten in der Vergangenheit Zweifel daran, dass die afghanischen Sicherheitskräfte das Ziel der Nato-Truppen, die Aufständischen zu besiegen, teilen. Vielmehr seien sie damit beschäftigt, das Wohlergehen der eigenen Familien sicherzustellen und sich mit den politischen Schirmherren abzustimmen. Aus westlichen Militärkreisen ist zudem zu hören, dass afghanische Sicherheitskräfte den Schulungen immer wieder fernblieben. Im Vorjahr seien laut Angaben des US-Generalinspektors allein bis Mitte November 6785 Soldaten und Polizisten in Afghanistan getötet worden.

Wir fasten und beten von morgens bis abends

Jawid Abdul macht es nachdenklich, dass es den Aufständischen immer noch gelingt, derart zerstörerische Bomben im Herzen Kabuls zu detonieren. Der 47-Jährige mit weißem Rauschebart war einer der vielen, die die Rauchsäule vom Dach seines Hauses sahen. Sein Herz sei in dem Moment gebrochen, sagt er. "Es ist doch Ramadan", fügt er hinzu und versteckt sein Gesicht hinter seinen Händen. Warum sei seiner Stadt nicht einmal eine Pause vom Terror gegönnt? "Wir fasten und beten von morgens bis abends nur um Frieden und Versöhnung, wie kann das sein?" Niemand in seiner Familie könne mehr einen klaren Gedanken fassen und vernünftige Entscheidungen treffen. Sie alle seien gelähmt.

Wie viele Menschen nur für die Sicherheit von Kabul abgestellt sind, ist nicht bekannt. Wie viele Sicherheitskräfte es in den 18 Polizeibezirken der Stadt gibt und wie viele es in weiteren Einheiten zur Terrorismusbekämpfung und Sicherheit der Stadt sind, wird nicht veröffentlicht. Aber kaum jemand zweifelt daran, dass es genug sind. Der US-Generalinspektor, der für den Wiederaufbau in Afghanistan zuständig ist, bemängelte zuletzt gar, dass zu viele Menschen für den Schutz und die Bewachung abgestellt seien; darunter würden die aktiven Operationen leiden.