Der Aufwind der rechtspopulistischen FPÖ lässt Österreichs Sozialdemokraten gut vier Monate vor den Parlamentswahlen nach ungewöhnlichen Wegen aus der Krise suchen. Bundeskanzler und SPÖ-Chef Christian Kern kündigte eine grundsätzliche Öffnung für eine Koalition mit der Freiheitlichen Partei an und weichte damit ein seit Jahrzehnten nicht nur in der Alpenrepublik geltendes Tabu auf.

In Gremien der SPÖ wurde in den vergangenen Monaten an einem Kriterienkatalog gearbeitet, der Bedingungen für Koalitionen festlegt. Jede Partei, die diese Bedingungen mittrage, kommt laut Kern als möglicher künftiger Partner infrage. Die Partei beendet damit nicht nur ihren Anti-FPÖ-Kurs der vergangenen 30 Jahre, sondern sichert sich vor allem mehr Möglichkeiten für künftige Regierungsbildungen. In Österreich regiert mit Ausnahme zweier Legislaturen eine große Koalition aus SPÖ und ÖVP. Inzwischen sind allerdings beide Bündnispartner dessen überdrüssig und suchen nach neuen Regierungsmehrheiten.

"Wir rollen hier nicht den roten Teppich für die Freiheitlichen aus", sagte Kern. Wenn die FPÖ künftig als Partner infrage kommen soll, müsse sie sich ein "ordentliches Stück" bewegen. Das letzte Wort sollen jedoch die Parteimitglieder bekommen, die nach den Neuwahlen im Oktober über einen Koalitionsvertrag abstimmen sollen. Zu den von der SPÖ formulierten Bedingungen zählen neben einer Senkung der Lohnnebenkosten für heimische Unternehmen die Anhebung des Mindestlohns auf 1.500 Euro und der flächendeckende Ausbau von Ganztagskinderbetreuung.