Marine Le Pen scheint verschollen. Zwar blickt sie einen noch immer von den übrig gebliebenen Wahlplakaten an, sie selbst übt sich aber in Zurückhaltung. Sie mischt sich nicht in jede kleinste Debatte ein und ist nicht in jeder zweiten Morningshow im Radio. Seit den Präsidentschaftswahlen am 7. Mai liegt eine ungekannte Ruhe über dem Front National (FN).

Aber wieso? Marine Le Pen hat verloren, ja. Aber sie hat ihre Partei zum größten Sieg ihrer Geschichte geführt. Fast elf Millionen Franzosen wählten den FN. Das ist eine beachtliche Leistung. Das war bis dahin undenkbar. Grund der Ruhe könnte aber genau das sein: Ein erneuter Erfolg wirkt undenkbarer denn je. Laut Umfragen hat der FN in höchstens 20 von 577 Wahlkreisen die Chance auf einen Sitz. Damit liegt er hinter En Marche!, Republikanern, France Insoumise und sogar hinter den implodierten Sozialisten.

Vor wenigen Wochen noch hörte man vom FN vollmundige Versprechen. "Erste Kraft Frankreichs" nannte Le Pen ihre Partei. Bei der Präsidentschaftswahl galt: 40 Prozent ist die magische Grenze. Überschreitet Le Pen sie, hieße das: Das nächste Mal reicht es zum Sieg. Unterschreitet sie sie, wäre es Zeit, den Kurs anzupassen. Dass Le Pen die Grenze bei der Stichwahl so deutlich verfehlt hatte, dachten selbst die Pessimisten in der Partei nicht. Dass es bei den Parlamentswahlen so düster aussehen wird, erst recht nicht.

FN-Kader sprechen im Radio schon offen von ihrer Rolle in der Opposition. Das klingt nicht nach Wahlkampf, sondern nach der fünften Phase der Trauer: Akzeptanz. Das populistische Moment, das Antieurosentiment im Frühjahr, hatte den FN auf historische Maße aufgeblasen. Mit Macron und der Umkehr der Dynamik fällt der FN nun in sich zusammen, in der Wählergunst wie auch personell und ideell.

Grund dafür ist, ausgerechnet, der Euro.

An der Eurofrage spaltet sich der FN. Auf der einen Seite steht der populistisch-étatistische Flügel in Nordfrankreich. Der lehnt den Euro ab, fordert einen starken Beamtenstaat, national abgeschottet, ist aber bei Themen wie Homoehe und Abtreibung eher liberal. In Südfrankreich ist der FN klassisch rechts, katholisch und identitär. Ihm ist der Euro egal. Ein Kommentator des Radiosenders France Inter taufte die Flügel, wegen ihrer geografischen Lage, Olivenöl-FN und Butter-FN.

Die Mariannenfigur des katholisch-identitären Olivenöl-FN ist Marion Maréchal-Le Pen. Sie ist die 27 Jahre junge Nichte der Parteichefin und extrem beliebt bei der Parteibasis und den Wählern. Sie wirbt für Ökologie, für eine gewichtigere Rolle der Kirche im Staat, gegen Homoehe, gegen Abtreibung und gegen den Nationalchauvinismus des populistischen Butter-FN. Nach der Wahl kündigte sie aber ihren Rückzug aus der Politik an. Die offizielle Begründung: ihr Privatleben.