Es ist gerade mal zwei Wochen her, dass US-Präsident Donald Trump bei seinem Besuch in Saudi-Arabien die versammelten sunnitischen Staatschefs der Region auf eine amerikanisch-arabische Allianz gegen den Iran einschwor. Und schon ist sie mit Karacho auseinandergefallen. Am Montag brachen Saudi-Arabien, Bahrein, die Vereinigten Arabischen Emirate und Ägypten alle diplomatischen Beziehungen zu Katar ab, schlossen die Grenzen zu dem kleinen Land am persischen Golf und wiesen ihre Fluggesellschaften an, die Hauptstadt Doha nicht mehr anzufliegen.

Das sind nicht nur Drohgebärden. Das ist der Versuch, das weitgehend von Importen abhängige Katar in den ökonomischen Kollaps zu treiben. In der katarischen Hauptstadt Doha decken sich inzwischen Kataris und Ausländer in den Supermärkten mit Hamsterkäufen ein. Saudi-Arabien schloss zudem die katarische Armee aus ihrer militärischen Allianz im Jemen-Krieg aus. Der saudische Groß-Mufti und das saudische Religionsministerium veröffentlichten zudem einen Brief, in dem sie der herrschenden Al-Thani-Dynastie Katars jede religiöse Legitimität absprechen. Das kann man als Aufruf zum Sturz interpretieren – ein unter den arabischen royalen Herrscherdynastien bislang einmaliger Vorgang.

Der Grund? Nach offiziellen Angaben aus Riad, Manama, Abu Dhabi und Kairo: Katars angebliche Unterstützung des islamistischen Terrorismus in Gestalt des IS, der palästinensischen Hamas, der Muslimbrüder, sowie "Terrorgruppen" im saudischen Osten und in Bahrain.

So weit, so gefährlich. Aber wenn man in der Region eines nie glauben darf, dann sind es offizielle Begründungen. Es geht hier weniger um Terrorismus, als um die Haltung der Golfländer zum Iran. 

Katars Emir Tamim bin Hamid al Thani hatte unmittelbar nach dem Gipfeltreffen in Riad seinen Unmut über die zunehmend martialische antiiranische und antischiitische Rhetorik des saudischen Königshauses kundgetan und – in saudischen Augen ein Affront sondergleichen – dem reform-orientierten iranischen Präsidenten Hassan Ruhani zu dessen Wiederwahl gratuliert. Mit Donald Trump wähnt Saudi-Arabien wieder einen US-Präsidenten an seiner Seite, der den regionalen Iran mit allen, notfalls auch militärischen Mitteln, in die Knie zwingen will – anders als der verhasste Barack Obama, der mit dem Nuklearabkommen Teheran aus der politischen und wirtschaftlichen Isolation geholt hatte. Scheich Tamim hält die sich anbahnende sunnitisch-schiitische Eskalation, die von gigantischen amerikanischen Waffenlieferungen an Riad unterfüttert wird, für hoch gefährlich. Kein Wunder, muss sich Katar doch seine größten Erdgasvorkommen im Persischen Golf mit dem Iran teilen.

Aber es sind nicht nur nationale Interessen, die den Emir aus der Front gegen den Iran haben ausscheren lassen. Irans ebenso brutale wie geschickte Expansionsstrategie in den Irak und nach Syrien hat die Lage in der Region dramatisch verschärft. Aber nicht nur Katar, auch Länder wie der Oman und Pakistan, sowie hinter vorgehaltener Hand Kuwait, fürchten, dass die religiöse Einfärbung des Machtkampfes zwischen Riad und Teheran immer mehr islamische Länder destabilisieren könnte.

Katar und Saudi-Arabien verbindet eigentlich viel

Auf den ersten Blick dürfte eigentlich kein Blatt zwischen den saudischen Riesen und den katarischen Zwerg passen. Beide werden regiert von antidemokratischen Familiendynastien, beide haben dank enormen Reichtums aus Erdöl-und Erdgasvorkommen ihre tribale Bevölkerung binnen weniger Jahrzehnte in eine glitzernde Konsumwelt katapultiert. Beide sind mehrheitlich sunnitisch mit schiitischen Minderheiten von rund zehn Prozent. In beiden ist der Wahabismus Staatsreligion, wobei hier ein folgenreicher Unterschied besteht.

Anders als in Saudi-Arabien gibt es in Katar keinen mächtigen wahabitischen Klerus, der die Politik mitbestimmt. Obwohl der Wahabismus Schiiten als Abtrünnige denunziert, leben sie in Katar unbehelligt und gut integriert – anders als in Saudi-Arabien, wo sie drangsaliert und ausgegrenzt werden. Ebenso in Bahrain, wo das sunnitische Königshaus seine schiitische Bevölkerungsmehrheit unter der Knute hält, und die Protestbewegung im Rahmen des Arabischen Frühlings 2011 mit saudischer militärischer Hilfe brutal unterdrückt hat. Der Vorwurf, Katar unterstütze "Terrorgruppen" in Bahrain und im schiitischen Osten Saudi Arabiens dürfte also schlicht ein Ablenkungsmanöver sein. Hinter den besagten "Terroristen" verbergen sich schiitische Proteste gegen staatliche Repression.

Muslimbrüder sind eine Konkurrenz für Wahabisten

Nun ist es nicht das erste Mal, dass Katar und Saudi-Arabien aneinandergeraten. Ende der 90er Jahre, Anfang der 2000er Jahre hatte der Vater und Vorgänger des jetzigen Herrschers, Scheich Hamad bin Khalifa, seinem Land einen sozialen Modernisierungsschub mit relativ großer kultureller Offenheit und einem politischen Selbstbewusstsein verpasst, dessen weltweites Aushängeschild Al Jazeera wurde. Der Fernsehsender bot im Frühjahr 2011 die Plattform für die Protestbewegungen von Tunesien bis Syrien, was in Riad erste Wutanfälle auf den kleinen Bruderstaat auslöste.

Zumindest den arabisch-sprachigen Programmen von Al Jazeera ging es dabei nicht um Freiheit und Demokratie, sondern um die Unterstützung der Muslimbruderschaften. Eben das provozierte den Zorn des Nachbarn. In den Augen des saudischen Klerus bedrohen die Muslimbruderschaften den Machtanspruch der Wahabiten im sunnitischen Islam.

Dass Katar den mit saudischer Ideologie durchtränkten IS gefördert haben soll, macht also wenig Sinn und wurde auch nie bewiesen. Erwiesen ist hingegen, dass Katar wie auch Saudi-Arabien radikal-islamistische Fraktionen im Syrien-Krieg finanziert haben, darunter die Al-Kaida-nahe Nusra-Front. Und dass private katarische Geschäftsleute in der Vergangenheit Geld an IS-Brigaden in Syrien und im Irak überwiesen haben. Das allerdings haben saudische Privatleute ebenfalls und vermutlich in sehr viel größerem Ausmaß getan – ganz zu schweigen von mindestens 2.000 saudischen Kämpfern in den Reihen des IS.

Schwerste Krise in Katars Dynastie

Hamads Sohn Tamim, seit 2013 an der Macht, hat seine Außenpolitik wieder deutlich näher an saudische Interessen herangeführt. Jedoch bietet Doha weiterhin hohen Funktionären der Muslimbrüder Quartier, es beherbergt außerdem Hamas-Führer und hat den Taliban erlaubt, ein Büro zu eröffnen. Das kann man verdammen. Aber alle drei Gruppierungen saßen und sitzen immer wieder mit ihren Gegnern am Verhandlungstisch. Und das Emirat Katar hat inzwischen den Ruf des nicht ganz erfolglosen Vermittlers und Türöffners zu fast allen, die auf diversen "Achsen des Bösen" stehen. Auch zum Iran. 

Tamim dürfte sich deshalb nur mit Widerwillen der saudisch-geführten Militärkoalition im Jemen angeschlossen haben, wo ein inner-jemenitischer Konflikt vor allem von Riad zu einer saudisch-iranischen und sunnitisch-schiitischen Konfrontation aufgepumpt wurde – mit verheerenden Folgen für die Zivilbevölkerung. Dass das saudische Königshaus Katar nun aus der Allianz geworfen hat, ist derzeit die geringste Sorge in Doha.

Tamim ist nun mit der wohl schwersten Krise seiner Dynastie und seines Staates konfrontiert. Offenbar fühlt sich der saudische Flügel der antiiranischen Hardliner rund um den Königssohn und Verteidigungsminister Mohammed bin Salman durch Donald Trumps Auftritt in Riad so bestärkt, dass er jede Politik der Deeskalation gegenüber Teheran kompromisslos abstrafen und die Regierung in Washington sogar dazu bewegen will, seine riesige Luftwaffenbasis aus Katar abzuziehen.

In der US-Hauptstadt stößt das derzeit auf lautes Echo bei prosaudischen Lobbiysten und ehemaligen Regierungsmitgliedern wie Robert Gates, der pikanterweise unter Barack Obama Verteidigungsminister war. Vergangene Woche beauftragte das Weiße Haus den hochrangigen Geheimdienstler Michael D'Andrea mit einer neuen CIA-Strategie gegen den Iran. In Teheran stellen sich gleichzeitig die Hardliner um Ayatollah Khamenei und Qassem Suleimani, den Dirigenten der iranischen Expansionsstrategie, auf eine neue Runde der Konfrontation ein – und stellen offen die Autorität von Hassan Ruhani, dem iranischen Garanten des Nukleardeals, in Frage.

Man wünscht sich jetzt einen übermächtigen Vermittler, der dazwischen fährt und alle Beteiligten zum Luft holen verdonnert. Aber es ist keiner in Sicht.