Großbritannien, das Land der Mäßigung, der Vernunft, des Pragmatismus, hat eine neue Grundstimmung: Entsetzen. Auch diese Woche begann erneut mit Horrormeldungen: Zuerst der vierte Terroranschlag innerhalb von vier Wochen, diesmal in Finsbury Park im Norden Londons. Dann bestätigte die Polizei vom ausgebrannten Hochhaus Grenfell Tower im Westen Londons, die Zahl der Menschen, von deren Feuertod sie jetzt ausgeht, habe sich erneut erhöht: auf mindestens 79.

Gleichzeitig machte sich vom Londoner Regierungszentrum in Westminster die britische Delegation nach Brüssel auf den Weg, um die Brexit-Verhandlungen zu beginnen. Ja, auch das eine Horrormeldung. Denn die Regierung, die für das britische Volk verhandelt, hat sich bislang als töricht, inkompetent und verblendet erwiesen. Nun ist überdies ihr Mandat zweifelhaft, nachdem der Versuch, durch Neuwahlen die Opposition zu zerstören, krass fehlschlug. Der schlaue Plan, dank dicker Mehrheit jede weitere Zustimmung des Parlaments zur Formsache zu degradieren, ging nach hinten los. Premierministerin Theresa May leitet nun eine Minderheitsregierung, die für ihr Fortbestehen auf die zehn Stimmen der ultrarechten nordirischen DUP hofft. Von dem Ausgang der Brexit-Verhandlungen, die diese Regierung führt, hängt das Wohlergehen des britischen Volkes ab.

Diese drei Schreckensnachrichten gehören zusammen. Jede zeigt auf ihre Weise, dass in den vergangenen Jahren etwas zerbrochen ist in Großbritannien. Die Regierung der konservativen Partei, die 2010 mit dem Slogan an die Macht kam, sie wolle das kaputte Land wiederherstellen, hat stattdessen selbst beträchtlichen Schaden angerichtet.

Der mörderische Lieferwagenfahrer, der eineinhalb Stunden nach Mitternacht in eine Gruppe Gläubiger fuhr, die vom muslimischen Fastengebet kamen, ist nach drei islamistischen Terroranschlägen vermutlich der erste eines Täters mit islamophobem Hintergrund. Laut Augenzeugenberichten schrie er, er wolle alle Muslime töten. Antiislamisch motivierte Straftaten nehmen seit Jahren zu. Die Hassattacken häuften sich während und nach des EU Referendums. Nach den islamistischen Anschlägen des vergangenen Monats vervielfachten sie sich. Allein der jüngste Mord an acht Menschen auf der London Bridge habe die Zahl antimuslimischer Übergriffe verfünffacht, berichtete Londons Bürgermeister Sadiq Khan.

Die Regierung dämmt den Hass nicht ein

Hass gebiert Hass gebiert Hass. Ein Teil der Kampagne der EU-Gegner warb offen mit rassistischen Parolen. Zwischen EU-Ausländern und britischen Muslimen machten sie keinen Unterschied. Sollte sich für den Anschlag in Finsbury Park ein rassistischer Hintergrund bestätigen, dann ist es der zweite Mord mit diesem Motiv innerhalb eines Jahres: Vor einem Jahr, kurz vor dem Referendum, wurde die Labour-Abgeordnete Jo Cox von einem rechtsradikalen Nationalisten erstochen.

Theresa May sagte nach dem Terroranschlag auf der London Bridge der Ideologie des Islamismus den Kampf an. Britische Werte müssten verteidigt werden. Das ist kein Aufruf zum Hass. Aber auch kein Versuch, Hass einzudämmen. An dieser Stelle wird meist die britische Boulevardpresse beschuldigt, Rassismus und Hass zu schüren. Daily Mail und andere veröffentlichen in der Tat häufig und skrupellos Hetzartikel gegen Muslime und Ausländer. Aber sie tun das seit sieben Jahren in dem politischen Umfeld einer Regierung, die sich ihnen nicht widersetzt, sondern sie zu beschwichtigen versucht – nicht zuletzt, indem sie sich zu dem EU-Referendum nötigen ließ.