Ein Bündnis von Parteien ehemaliger albanischstämmiger Rebellenkommandeure hat die Parlamentswahl im Kosovo gewonnen. Das Bündnis erreichte am Sonntag rund 35 Prozent der Stimmen. Auf die Rebellen folgen die nationalistische Bewegung für Selbstbestimmung (Vetëvendosje!) und ein pazifistisches Bündnis unter der Führung des ehemaligen Finanzministers Avdullah Hoti. Beide lagen nach Auszählung von 70 Prozent der Stimmen noch Kopf an Kopf bei jeweils rund 26 Prozent, wie die Nichtregierungsorganisation Demokratie in Aktion mitteilte. Die Regierungsbildung dürfte schwierig werden: Keine der Gruppen hat eine Mehrheit, um allein eine Regierung zu stellen.

Der Sieg sei überzeugend, sagte der ehemalige Kommandeur der paramilitärischen Organisation UÇK, Ramush Haradinaj, der das Bündnis der Rebellenkommandeure führt und als Ministerpräsident nominiert wurde. Um die 120 Sitze bewarben sich Kandidaten von 19 Parteien, fünf Koalitionen und zwei Bürgerinitiativen. Die Wahlbeteiligung lag bei rund 42 Prozent. 

Haradinaj und seine Partei versprachen einen politischen Neuanfang und visafreies Reisen in den Schengenraum binnen 90 Tagen. Vetëvendosje!, die Bewegung für Selbstbestimmung, ist im Ausland vor allem durch ihr aggressives Verhalten im Parlament bekannt geworden, wo ihre Mitglieder unter anderem Tränengas versprühten, um Abstimmungen über ein Grenzabkommen zu verhindern. Sie kritisieren, der Vertrag bedeute den Verlust von 80 Quadratkilometern Land für das Kosovo – eine Behauptung, der die Regierung und internationale Experten widersprechen. Spitzenkandidat Albin Kurti will die Korruption bekämpfen, frühere Beamte ins Gefängnis bringen, die Gespräche mit Serbien abbrechen und einen engeren Anschluss an das Nachbarland Albanien suchen.

Drei eher pazifistisch eingestellte Parteien hatten den ehemaligen Finanzminister Avdullah Hoti zum Spitzenkandidaten nominiert. Der Wirtschaftsprofessor hat einen britischen Doktortitel und verweist darauf, die Korruption bekämpft und die Zoll- und Finanzverwaltung an EU-Standards angepasst zu haben. Das Bündnis wurde vom früheren Regierungschef Isa Mustafa unterstützt.

Die ehemalige serbische Provinz Kosovo hatte sich 2008 für unabhängig erklärt. Inzwischen haben 114 Staaten das Land als Staat anerkannt, nicht aber Serbien. Kosovaren müssen für Reisen in die Länder des Schengen-Abkommens ein Visum beantragen, unter anderem weil der Grenzverlauf zu Montenegro nicht geklärt ist. Ein entsprechendes Abkommen mit dem Nachbarland wurde zwar 2015 unterzeichnet, ist aber ebenso wenig umgesetzt worden wie Autonomiezusagen an die Serben im Land. Die letzte Regierung zerbrach am Streit um diese Fragen; nach einem Misstrauensvotum der Abgeordneten hatte Präsident Hashim Thaçi, damals noch Ministerpräsident, die Neuwahl des Parlaments angesetzt.

Ein weiteres Konfliktfeld ist die Verfolgung mutmaßlicher Kriegsverbrechen im Unabhängigkeitskrieg gegen Serbien 1998 und 1999. Auch der Kandidat und frühere Ministerpräsident Ramush Haradinaj wurde vor dem UN-Kriegsverbrechertribunal angeklagt. Der Kosovo-Albaner wurde zweimal freigesprochen. Serbien betrachtet ihn jedoch weiter als Kriegsverbrecher.

Überschattet wurde die Wahl auch von einem neuen Sondertribunal in Den Haag für die Untersuchung weiterer mutmaßlicher Kriegsverbrechen. Verantworten müssen sich dieses Mal möglicherweise auch Präsident Thaçi und der scheidende Parlamentspräsident Kadri Veseli.

Die Wahl wurde von örtlichen und internationalen Beobachtern überwacht. Polizei und Staatsanwaltschaft meldeten bis zum Abend lediglich kleinere Zwischenfälle.