Als Leo Varadkar am Freitagabend versprochen hat, Premierminister aller Iren zu sein – und das als schwuler Mann indischer Abstammung –, war allen klar, dass Irland sich modernisiert hat. Erst 38 Jahre alt ist der künftige Regierungschef und neue Vorsitzende der konservativen Partei Fine Gael. Seit zehn Jahren ist er im irischen Parlament und übernimmt nun Irlands Geschicke von seinem 66-jährigen Vorgänger Enda Kenny.

Als Kenny 2011 an die Macht kam, war Irland in der Krise: eine geplatzte Immobilienblase und verstaatlichte Bankschulden in Milliardenhöhe. Die EU und der IWF halfen aus, es folgten harte Jahre. Sechs Jahre später hat Kenny das Land stabilisiert: ein Wachstum von drei Prozent, eine Arbeitslosenrate von sechs Prozent. Trotzdem muss er abtreten. 

Wegen einer Reihe von Skandalen in der Polizei und im Gesundheitssystem glaubte seine Partei nicht mehr daran, dass er als Vorsitzender die nächsten Wahlen gewinnen würde. Kenny wurde diese Woche höflich verabschiedet.

Sein Outing half Varadkar auch politisch

Varadkar ist ein starker, selbstbewusster Rhetoriker, er gilt als Repräsentant des modernen Irlands. Seine Eltern, eine irische Krankenschwester und ein Arzt aus Mumbai, haben sich in den 1960er Jahren in England kennengelernt. Sie lebten in Indien, bevor sie nach Irland zogen, wo Leo 1979 in Dublin zur Welt kam.

Schon während seines Medizinstudiums entdeckte er die Politik für sich. Mit 28 wurde er Abgeordneter im Wahlkreis Dublin West. Er stieg in Parteikreisen schnell auf und wurde dank seines rhetorischen Talents zum Medienliebling. Nach schwierigen Stationen als Gesundheits- und Sozialminister half es ihm, dass er sich im Radio als schwul outete.

Das Land war überrascht, aber nicht allzu schockiert – schließlich war die Referendumsdebatte um die gleichgeschlechtliche Ehe schon in vollem Gange. Fast zwei Drittel der Iren sprachen sich kurz darauf für die Ehe für alle aus. Und Varadkar, der mit einem Chirurg zusammenlebt, wurde für seinen Mut und seine Ehrlichkeit gelobt. 

In der Kampagne um die Nachfolge Kennys hat er verstärkt eine konservativ-liberale Politik vertreten, sowohl beim Thema Sozialhilfe als auch bei Irlands unaufhörlicher Debatte um die Abtreibung. Seine liberalen Anhänger aus Dublin waren zwar verärgert, als Varadkar sagte, Fine Gael solle "ein warmes Haus für diejenigen sein, die sozial-konservative Ansichten haben". Aber seine Strategie, ein möglichst breites Wählerspektrum anzusprechen, hat gute Gründe.