Die internationale Presse ist sich weitgehend einig: Der knappe Wahlsieg der Konservativen in Großbritannien ist eine herbe Niederlage. Sascha Zastiral macht auf ZEIT ONLINE die Premierministerin Theresa May für das enttäuschende Ergebnis der Tories verantwortlich. Sie habe einen schlechten Wahlkampf geführt, nach Jahren der Austerität weitere Kürzungen vorgeschlagen. May habe "zuerst kühl und rücksichtslos, dann unentschlossen und wankelmütig" gewirkt. Labour-Chef Jeremy Corbyn habe unterdessen einen beinahe perfekten Wahlkampf bestritten.

Die Londoner The Times kommentiert, die Tories hätten keines ihrer Ziele erreicht. Die Partei habe Mandate verloren, statt ihre Mehrheit auszubauen. Und es sei auch schiefgegangen, sich der Europäischen Union bei den bevorstehenden Brexit-Verhandlungen als starken und stabilen Partner zu präsentieren. "Nun steht eine Periode des Durcheinanders bevor." Laut Times ist es sehr wahrscheinlich, dass es im Parlament keine Mehrheit mehr für das Verlassen des europäischen Binnenmarktes gebe.

Im Independent analysiert Jon Stone vermeintlich sicher geglaubte politische Wahrheiten, die der Ausgang der Unterhauswahl widerlegt habe. Die Umfragen etwa hätten die Labour-Partei offenbar nicht überschätzt. Und deutlich mehr junge Menschen gingen zur Wahl als vorher erwartet wurde: Labour habe zum ersten Mal seit Tony Blair die Wahlbeteiligung unter jungen Menschen gesteigert. Und im Gegensatz zum Brexit-Votum gebe es keine so eindeutige Spaltung mehr zwischen Stadt und Land.

Großbritannien-Wahl - Wahlschlappe für die Konservativen Bei Parlamentswahlen haben die Konservativen eine absolute Mehrheit verfehlt. Forderungen nach einem Rücktritt von Premierministerin Theresa May werden laut. © Foto: AFP-TV

Jeremy Corbyn habe "echte Ideen" gehabt und Theresa May hatte nichts dazu zu sagen, schreibt Janet Daley im Telegraph. Daley geht davon aus, dass das Ergebnis der britischen Wirtschaft schaden und die Verhandlungsposition gegenüber der EU beim Brexit schwächen werde. Sie meint, die Unterhauswahl sei zu einem zweiten Referendum gemacht worden und schreibt: "Die kollektive Entscheidung, taktisch zu wählen, um die Fähigkeit der Tories zu sabotieren, einen Austritt aus der EU zu verhandeln, war ziemlich sicher ein entscheidender Faktor bei diesem Ergebnis."

Laut Süddeutscher Zeitung hat May versucht, die britischen Wähler mit Slogans abzuspeisen. "Sie behandelte sie nicht wie Erwachsene." Auf SZ.de schreibt Christian Zaschke, Mays Wahlkampf sei fürchterlich gewesen. Ihr sei es gelungen, "ein Wahlversprechen schon vor der Wahl zu brechen". Gemeint ist der als Demenz-Steuer bekanntgewordene Vorschlag, die Selbstbeteiligung bei der Altenpflege zu erhöhen – May musste ihr Vorhaben nach heftiger Kritik zurückziehen. Ihre Niederlage sei vor allem darauf zurückzuführen, dass sich May mit einem kleinen Beraterkreis verschanzt habe und sich nicht einmal von der eigenen Partei beraten ließ, argumentiert Zaschke.

"Welches Desaster!" schreibt Klaus-Dieter Frankenberger in der Frankfurter Allgemeine Zeitung. Theresa May habe den Wählern doch Stärke und Festigkeit versprochen. Das Gegenteil sei eingetreten. Vor einem Jahr habe David Cameron die Abstimmung über den Brexit verloren und musste zurücktreten. Jetzt könne seine Nachfolgerin derselbe politische Schicksalsschlag treffen. "Die Entscheidung für Neuwahlen trifft sie in jedem Fall wie ein Bumerang! Keine gute Idee! Zwei Premierminister, zwei Entscheidungen, die ihnen den Boden unter den Füßen wegzogen."

Die französische Tageszeitung Le Figaro äußert sich zu Spekulationen um einen Rücktritt der Premierministerin. "Geht sie, geht sie nicht? Diese Frage treibt alle um an diesem Morgen". Ihre Fähigkeit, eine Regierung zu leiten, werde nun bezweifelt. Das Scheitern der Tories sei auch ein persönliches Scheitern Mays. Le Figaro rechnet vor: "Falls Theresa May gehen sollte, wäre sie die britische Premierministerin mit der kürzesten Amtszeit seit 94 Jahren." Sie sei gerade einmal 330 Tage im Amt.

"Wenn Großbritannien immer noch integrierter Teil der Europäischen Union wäre, dann wäre die Niederlage von Theresa May ein großartiger Sieg für Europa", schreibt La Repubblica aus Italien. Da aber London von Brüssel aus gesehen nur noch ein Gesprächspartner sei, mit dem man hart verhandelt, vergrößere die Aussicht auf ein hung parliament bloß "das Schreckgespenst des Scheiterns, das über den Brexit-Verhandlungen schwebt".