Die russische Hymne donnert aus den Lautsprechern: "Glorreich seist du, unser freies Vaterland." Die Sänger wiegen sich im Takt, die Bühne ist mit weiß-blau-roten Luftballons, der russischen Trikolore, geschmückt. "Schande! Schande!" rufen wenige Meter weiter die Passanten, wenn wieder Demonstranten in die Awtosaki, die Gefangenentransporter, geschoben werden. "Sie befinden sich auf einer nicht-genehmigten Demonstration", sagt die Polizei durch Lautsprecher durch. "Wir bitten Sie, nicht gegen die Ordnung zu verstoßen und auseinanderzugehen."

Es sind absurde Szenen, die sich am Montag im Moskauer Stadtzentrum abspielen. Tausende Demonstranten sind dem Aufruf des Oppositionellen Alexej Nawalny gefolgt, gegen die Machthaber zu demonstrieren. Unter dem Motto "Antworten zu fordern" sind am Nationalfeiertag, dem Tag Russlands, Menschen in etwa 200 russischen Städten zu Antikorruptionsprotesten auf die Straße gegangen. 

Vor allem in der Hauptstadt Moskau spitzte sich die Lage zuletzt zu: Am späten Sonntagabend hatte Nawalny den angekündigten und auch genehmigten Protest vom geplanten Veranstaltungsort auf die Twerskaja-Straße verlagert, die zentrale Prachtstraße im Herzen Moskaus, die direkt zum Kreml führt. Ausgerechnet an einen Ort, wo an diesem Tag ein Volksfest mit Reenactments aus der russischen Geschichte von der Stadtverwaltung organisiert worden war. Laut Nawalny hätte die Stadt Druck auf Firmen ausgeübt, keine Bühnentechnik auf dem ursprünglich geplanten Ort zur Verfügung zu stellen. Nawalny selbst wurde schon beim Verlassen seiner Wohnung im Stiegenhaus verhaftet: Ihm drohen bis zu 30 Tage Haft wegen der Verletzung des Demonstrationsrechts, sagte sein Anwalt. 

"Russland ohne Putin! Putin ist ein Dieb!"

So wirkt der Protest auf der Twerskaja-Straße zu Beginn etwas führungslos. Während Touristen und Familien mit Kinderwagen durch die Freiluftausstellung von Militärgerät, Barrikaden und Reenactments von Schlachten flanieren und Selfies schießen, mischen sich in den Nachmittagsstunden immer mehr Regimegegner, vor allem auffallend viele junge Menschen, in die Menge. Immer öfter branden die Parolen "Russland ohne Putin! Putin ist ein Dieb! Rücktritt Medwedew!" auf.

Mit den Demonstranten rücken aber immer mehr Sonderpolizisten mit Helmen und Schlagstöcken auf die Twerskaja-Straße aus, um die Menschenmenge nach und nach einzukesseln. Bis zu den frühen Abendstunden werden in Moskau etwa 700 Menschen festgenommen, in der zweitgrößten russischen Stadt Sankt Petersburg sollen es zumindest 500 gewesen sein, berichten russische Medien. 

Die jungen Demonstranten in Moskau reagieren mit einer eigentümlichen Mischung aus Amüsement und Empörung auf die Polizeigewalt. Eine junge Frau lässt sich vor einer Front von Sonderpolizisten fotografieren, hebt die Arme wie zum Kampf und lacht in die Kamera ihres Freundes. "Sie wissen nicht, wen sie rausfischen sollen", kommentiert der 19-jährige Alexej, der abseits steht, die Szene. "Die Leute, die sich für Patrioten halten und heute zu diesem Feiertag gekommen sind, oder die, die gegen Korruption sind?" Ein Passant hingegen ärgert sich lautstark über die Demonstration: "Das ist verdammt noch mal unsere Stadt, und wir entscheiden, wo wir spazieren gehen!", ruft der Mann. Ein anderer schimpft: "Wenn ihr demonstrieren wollt, dann geht doch in die Ukraine!"

Der Protest hatte sich zuletzt an einem 50-minütigen Video über den russischen Premier Dmitrij Medwedew entzündet, bei dem Nawalny dem Premier vorwirft, sich über schein-karitative Stiftungen bereichert zu haben. Es sind vor allem diese Videos, mit denen der 41-jährige Oppositionelle und seine "Stiftung zum Kampf gegen Korruption" einen Nerv getroffen haben. Allein das Medwedew-Video wurde auf YouTube bereits 22-Millionen-mal geklickt.

Kannten Nawalny im Jahr 2011 laut einer Umfrage nur sieben Prozent der Russen, ist es heute bereits jeder Zweite – obwohl Nawalny in den Staatsmedien so gut wie nicht vorkommt. Zuletzt hat Nawalny angekündigt, für die russischen Präsidentschaftswahlen im März 2018 zu kandidieren. Ob er zugelassen wird – ein Strafverfahren läuft gegen ihn – ist noch nicht klar.