Beim Angriff auf die syrische Stadt Chan Scheichun im April ist das verbotene Giftgas Sarin eingesetzt worden. Das teilte die Organisation für ein Verbot der Chemiewaffen (OPCW) in Den Haag mit und verwies auf Ergebnisse einer Untersuchung von internationalen Experten. Bei dem Angriff am 4. April waren rund 90 Menschen getötet und Hunderte schwer verletzt worden. Die Bilder von erstickenden Kindern hatten weltweit Entsetzen ausgelöst.

Die OPCW-Mitarbeiter hatten Gewebeproben von Opfern und Proben des Bodens untersucht sowie mit Zeugen gesprochen; sie waren aus Sicherheitsgründen aber nicht nach Chan Scheichun gereist. Es sei nicht ihre Aufgabe gewesen zu untersuchen, wer für den Angriff verantwortlich war, teilte die OPCW mit.

Das Giftgas sei sehr wahrscheinlich dort freigesetzt worden, wo nun "ein Krater in der Straße" klaffe, teilte die Organisation mit. Die Experten seien weiter der Auffassung, "dass solch eine Freisetzung nur als Einsatz von Saringas als chemische Waffe eingestuft" werden könne. Der noch nicht veröffentlichte Bericht wurde dem UN-Sicherheitsrat und der gemeinsamen Untersuchungskommission der Vereinten Nationen und der OPCW übergeben.

Welche Kriegspartei für den Angriff verantwortlich ist, darüber wird weiter gestritten: Die USA, Großbritannien und Frankreich halten die Armee von Syriens Regierungschef Baschar al-Assad für verantwortlich. Die USA hatten als Reaktion einen syrischen Luftwaffenstützpunkt mit Marschflugkörpern angegriffen. Die Assad-Regierung hatte die Vorwürfe jedoch zurückgewiesen.

Syrien - Amnesty International berichtet von Massenhinrichtungen Amnesty hat 84 Menschen befragt, die als Gefangene, Wärter oder Anwälte im syrischen Sednaya-Gefängnis waren. Basierend auf ihren Aussagen hat die Organisation rekonstruiert, wie dort Folter und Hinrichtungen stattfanden. © Foto: Amnesty International

"Sie wissen nicht, wie das Sarin dort hinkam"

Der Sprecher des Auswärtigen Amtes, Martin Schäfer, sagte, es sei jetzt wichtig, die Schuldigen für den Angriff schnell zu identifizieren. Die Bundesregierung erwarte auch von Russland und China die Bereitschaft, Sorge dafür zu tragen, dass die Verantwortlichen – wenn diese eines Tages zweifelsfrei feststehen sollten – "auf eine angemessene Art und Weise" zur Rechenschaft gezogen würden. Russland ist einer der wichtigsten Unterstützer Assads.

Alle Indizien deuten laut Schäfer darauf hin, dass die syrische Assad-Regierung die Verantwortung für den Einsatz trägt. Sollte sich dies am Ende der Ermittlungen bewahrheiten, wäre dies erneut "ein eklatanter Verstoß gegen das Chemiewaffenabkommen", sagte Schäfer. Der Sicherheitsrat habe die Möglichkeit, "wenn eine Gefahr für Frieden und Sicherheit festgestellt ist", Sanktionen gegen Einzelpersonen zu ergreifen, aber auch gegen ein "politisches Regime".

Der russische Außenminister Sergej Lawrow sagte hingegen, die Anschuldigungen des Westens seien durch den OPCW-Bericht nicht bestätigt. Es gehe daraus nicht sicher hervor, dass Flugzeuge der syrischen Regierung das Giftgas abgeworfen hätten. "Sie wissen nicht, wie das Sarin dort hinkam, dennoch sind die Spannungen in all diesen Monaten eskaliert", sagte Lawrow.

Schon 2013 war die syrische Regierung für einen schweren Giftgasangriff in einem Vorort von Damaskus verantwortlich gemacht worden. Die USA waren daraufhin kurz davor, Syrien militärisch anzugreifen, stattdessen verständigten sie sich aber mit Russland auf eine Zerstörung des syrischen Chemiewaffenarsenals. Syrien trat daraufhin der OPCW bei und deklarierte rund 1.300 Tonnen an Chemiewaffen oder Chemikalien, die zur Herstellung genutzt werden können, und übergab sie der OPCW zur Vernichtung. Allerdings gab es immer wieder Zweifel, ob die Regierung auch tatsächlich alle ihre Bestände angegeben hatte.