Als Großbritanniens Premierministerin Theresa May vor anderthalb Monaten vorgezogene Neuwahlen ausrief, war die Überraschung groß. Schließlich hatte May zuvor monatelang darauf beharrt, solche Wahlen brauchten nicht abgehalten zu werden. Sie habe auch so ein Mandat, um das Land aus der EU zu führen.

Viele Kommentatoren sahen in der Entscheidung einen zynischen Griff nach der Macht. Schließlich war erst kurz vor der Entscheidung eine Umfrage veröffentlicht worden, in der Mays konservative Partei einen Vorsprung von mehr als 20 Prozent vor Labour hatte, der wichtigsten Oppositionspartei. Labour würde bei den Wahlen unweigerlich eine schwere Niederlage erleiden, so die Einschätzung damals, und die Tories im Unterhaus mehr als 100 Sitze hinzugewinnen. Die Opposition wäre damit bei den kommenden Brexit-Verhandlungen praktisch machtlos. So hat sich May das wohl auch gedacht.

Ein falscher Satz über Rentner kostet Stimmen

Doch die Vorzeichen haben sich geändert. Statt dem erwarteten hohen Sieg droht den Tories nun sogar eine Niederlage bei den Parlamentswahlen. Die konservative Zeitung Times  hat eine aktuelle Umfrage in Auftrag gegeben. Danach haben die Tories nur noch einen Vorsprung von drei Prozentpunkten. In London, wo die konservative Partei darauf gehofft hatte, Labour Parlamentssitze abzujagen, liegt Labour im Moment 17 Prozentpunkte vorne. Eine weitere Umfrage prognostiziert sogar, dass die Tories ihre derzeitige Mehrheit im Unterhaus verlieren könnten. Bei den Tories bricht so langsam Panik aus.

Zu dem gewaltigen Stimmungsumschwung kam es, nachdem die Konservativen vor zwei Wochen ihr Wahlprogramm vorstellten. Darin drohte May mit Einschnitten für Rentner. Besonders umstritten: Wer über ein Vermögen von mehr als 100.000 Pfund verfügt, sollte bis zu diesem Freibetrag selbst dafür aufkommen, falls er im Alter auf Pflege angewiesen sein sollte. Das Heikle: Der Wert von Immobilien sollte in diese Rechnung miteinbezogen werden.

Vier Tage lang verteidigte May die Pläne. Dann sah sie sich gezwungen, nachzugeben. Sie kündigte eine Obergrenze der privat zu tragenden Pflegekosten an. Doch da es half nichts mehr. May, die zuvor kühl und rücksichtlsos wirkte, schien nun auch noch unsicher und wankelmütig. Viele Briten wandten sich daraufhin dem traditionell sozialdemokratischen Wahlprogramm von Labour zu. Die Partei von Herausforderer Corbyn schlachtet Mays Fauxpas bereitwillig aus: May plane, eine "Demenzsteuer" einzuführen. Das ist zwar überzogen. Aber es ist eben Wahlkampf.

Nach dem Anschlag von Manchester hatte der Wahlkampf Pause. Doch nun steigen die Parteien wieder ein ins Werben. Die Tories hoffen auf die Wende nach der Unterbrechung. Das zentrale Thema, mit dem May nun doch noch gewinnen will: der Brexit.