Seit 2014 ist der Osten der Ukraine unter der Kontrolle von Milizionären, die sich selbst Separatisten nennen und von Russland unterstützt und beeinflusst werden. Bald nach der russischen Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim riefen sie die Volksrepubliken von Luhansk und Donezk aus und kämpften für deren Ausdehnung gegen ukrainische Regierungstruppen.

Mehr als 10.000 Menschen sind in diesem Krieg gestorben. Um den Krieg zu beenden, führten internationale Bemühungen zum Minsker Abkommen, das als einzige Grundlage für eine Lösung des Konflikts gilt – obwohl die Umsetzung nicht vorankommt und vereinbarte Waffenruhen entlang der Trennlinie immer wieder gebrochen werden. De facto ist die Ukraine geteilt, und die Hoffnung klein, dass die besetzten Gebiete in naher Zukunft wieder in den ukrainischen Staat eingegliedert werden. Für die Menschen in der Volksrepublik Luhansk ist der Alltag düster.

Nach 23 Uhr ist Luhansk entvölkert. An der Kreuzung zwischen den Hauptstraßen Sowjetskaja und Oboronnaja blinken die Ampeln sinnlos auf mittigem Gelb. Es herrscht Ausgangssperre. Die große vertikale Werbetafel, die zwei Seiten einer Hausecke umfasst, schickt ihre kurzen Filmsequenzen mit Symbolen der Volksrepublik in die Leere der Nacht.

Ein leuchtend roter Stern, üppig von Kornähren umgeben, rhythmisch, hypnotisch. Die animierten Grafiken sind dem Hochstalinismus des vorigen Jahrhunderts abgeschaut. In professioneller Gestaltung auf der modernen Anzeige verbreiten sie die Atmosphäre einer bizarren Science-Fiction-Welt. Womöglich hätte so sowjetische Propaganda im Jahr 2017 ausgesehen, wäre dieses Reich nicht ein Vierteljahrhundert zuvor untergegangen.

An der gegenüberliegenden Ecke wächst mit ein paar erleuchteten Fenstern das 19-stöckige Hotel Luhansk in die Dunkelheit. Der Baustil: Spätmodernismus in seiner sowjetischen Variante. Von der hellen Stimmung und dem Glauben an die Zukunft, den das Gebäude ausstrahlen sollte, ist nicht viel geblieben. Einst kamen Touristen und Geschäftsleute in der ostukrainischen Industriestadt hier unter, seit dem Ausbruch des Krieges ist die Nachfrage nach Zimmern gering. Ohnehin werden nur noch wenige Stockwerke als Hotel genutzt, das Restaurant ganz oben musste schließen. Das Gebäude ist nicht geheizt, Kälte schwebt wie ein böses Gespenst durch die Flure.

Der Wächter

In der dunklen Lobby des Hotels sitzt ein 70-Jähriger auf einem Sofa aus rotem Kunstleder. Anatoli, schwarzer Hut und Tarnjacke, hütet die drei Türen der Aufzüge.

Die wenigen, die den Wunsch haben, höher hinauf in das Haus zu gelangen, müssen an dem schweigsamen Mann vorbei. Der alte Nachtwächter sitzt da wie eine Sphinx, doch seine Augen fokussieren und es kommt Bewegung in das zerfurchte Gesicht, wenn er eine seiner Geschichten erzählt.

Es sind Erinnerungen aus dem Krieg: "Mariupol, Debalzewe, Donezk, Schtschastja", listet Anatoli auf – die Orte großer Schlachten entlang der Front. Trotz seines Alters hat er zweieinhalb Jahre lang auf der Seite der Separatisten gegen die ukrainischen Streitkräfte gekämpft. Zwei Verletzungen waren der Preis. Ein Granatsplitter steckt noch in seinem Rumpf. Wie er es sieht, haben sein Kampfgeist und der seiner Waffenbrüder verhindert, dass die ukrainischen Bataillone die Volksrepubliken zurückerobern. Doch ohne erhebliche Hilfe aus Russland wäre es wohl anders ausgegangen, wenn es überhaupt mit diesem Konflikt soweit gekommen wäre.

Der Krieg hat die von den Separatisten besetzten Gebiete in einen Schwebezustand versetzt. Unsicherheit angesichts der Zukunft prägt das Leben der einfachen Menschen. So wie die drei Türen, die Anatoli hütet, scheint es für die Volksrepublik drei Optionen zu geben: Die jetzige Pseudo-Unabhängigkeit wird aufrechterhalten, oder der Anschluss an Russland wird konsequent vollzogen wie bei der Krim, oder es erfolgt eine Wiedereingliederung in die Ukraine – in welcher Form auch immer. Letztere Option findet bei Anatoli in der Hotellobby keinen Zuspruch: "Wie soll ich mir das vorstellen können, nachdem ich verletzt wurde? Ich bin selbstverständlich nicht dagegen, dass Luhansk und Donezk ein Abkommen mit Kiew schließen, damit der Krieg endet. Darüber hinaus sehe ich aber keine Möglichkeit, die Zusammenarbeit mit der Ukraine wieder aufzunehmen", sagt er leise.

Fast flüsternd setzt Anatoli seinen Monolog fort: "Die Furcht, die die Menschen empfinden, wenn sie sich in den Kellern verstecken, während Raketen fliegen – das kennen sie nicht in Kiew. Dort haben sie den Krieg nicht durchgemacht. Wenn sie selbst so etwas hätten erleben müssen, würden sie verstehen, was Krieg ist. Darüber wissen die Einwohner hier alles. Wir kennen ihn. Wir fühlen selbst die Angst. Und wir erinnern uns an sie. Manchmal ergreift sie uns. Der Krieg ist noch lange nicht vorbei. Ich wünsche niemandem, etwas so Grausamem ausgesetzt zu sein. Wie viele sind gestorben? Es ist fürchterlich."

Die Kellermenschen

75 Kilometer westlich von Luhansk liegt Perwomajsk, das der Krieg im Donbass mit am schwersten getroffen hat. Die Stadt ist heute an drei Seiten von ukrainischen Streitkräften umgeben und hat so unter dem Beschuss gelitten, dass es schwierig ist, ein intaktes Gebäude zu finden. Granaten haben Löcher gerissen, Raketen haben Fassaden entfernt. Vielleicht die Hälfte der einmal 40.000 Einwohner ist noch hier. In diesem Chaos aus Schutt und Trümmern.