Anna Deparnay guckt auf ihr Handy. Auf dem Bildschirm sind kleine, blaue Punkte zu sehen. "Jeder zeigt einen Franzosen. Ganz schön viele, oder?", sagt Anna und dass das nicht nur hier so sei, mitten in Heidelberg. Egal in welcher deutschen Stadt sie suche, ein paar Franzosen wohnten dort immer und interessierten sich auch für Politik. Deren Adresse bekomme sie dank dieser App, die das Konsulat denen, die bei den Parlamentswahlen kandidierten, zur Verfügung stelle. Die könne sie also besuchen. Oder wenigstens einen Gruß hinterlassen.

Anna schaut auf die Schildchen neben der Eingangstür eines Mehrfamilienhauses, dort stehen vier deutsche und ein französischer Name. Sie klingelt bei dem Franzosen und zieht ein Faltblatt aus der Tasche. Auf dem ist ihr Gesicht zu sehen, daneben die Bitte, bei den französischen Parlamentswahlen doch "eine Mitbürgerin" zu wählen: Anna Deparnay-Grunenberg, Französin, Deutsche, Stuttgarterin, Grüne. Um dann gemeinsam zu verändern, was ist: "Ensemble, changeons la donne!"

Anna klingelt wieder, doch es öffnet niemand. Sie schreibt einen Gruß auf das Faltblatt, dazu, dass sie abends in Heidelberg auftrete, schiebt es unter der Tür durch und sagt dann mit fester Stimme: "Wieder einen Wähler erreicht." Sie weiß, dass dieser Satz auch ein bisschen Autosuggestion ist und dass sie die braucht. Denn eigentlich ist ein Straßenwahlkampf im Auslandswahlkreis Nummer 7, in dem Anna Deparnay antritt, unmöglich: Wählen können sie etwa 150.000 Auslandsfranzosen – die leben allerdings verstreut auf Deutschland, Polen, die Slowakei, Tschechien, Ungarn, Rumänien, Bulgarien und die einstmals jugoslawischen Balkanstaaten, insgesamt 15 Länder. Diese Wähler überhaupt zu finden, und dann auch noch eine nennenswerte Zahl davon persönlich anzusprechen und auch noch ihre Stimme zu gewinnen, wäre schon mit einer professionellen, großen Partei im Rücken eine Herausforderung.

Mit der Handvoll versprengter Ehrenamtlicher, den paar Studenten und Aktivisten, die Anna seit ein paar Wochen helfen, ist es nahezu hoffnungslos. Dazu kommt noch, dass viele Franzosen, die im Ausland leben, zwar wissen, dass sie den Präsidenten mitwählen durften. Aber nicht, dass seit 2012 auch ein Stimme bei den beiden Wahlgängen für das Parlament haben (nach dem ersten kommen zwei Kandidaten weiter, beim zweiten der Gewinner ins Parlament). Und noch weniger, dass die erste Runde bereits am kommenden Sonntag ist, sie im Konsulat also eine Woche bevor in Frankreich gewählt wird, ihre Stimme abgeben müssen.

"Diese Wahl kann so viel entscheiden: In und für Frankreich! Deutschland! Europa!" Anna sagt das mit dicken Ausrufezeichen. Jetzt gehe es darum, ob und mit welcher Parlamentsmehrheit der neue Präsident seine Projekte verwirklichen könne. Und da gebe es, so findet sie, ziemlich viel zu tun: Am besten mit Deutschland. Denn die beiden Länder seien sich so nah und würden sich doch so gern falsch verstehen. Die Frau, in deren halblangem, schwarzem Haar die ersten silbernen Fäden schillern, weiß, wovon sie redet: Ihre eigene Familiengeschichte ist ein stetiges Hin und Her zwischen beiden Nachbarländern. Geboren in Berlin als Kind einer Französin und eines Deutschschweizers, aufgewachsen Frankreich und Deutschland, lebt sie nun seit 15 Jahren mit Mann und drei Kindern in Stuttgart. Bei der letzten Kommunalwahl zog sie dort mit der zweithöchsten Stimmenzahl in den Stuttgarter Gemeinderat ein. Sie leitet die grüne Fraktion.

Der Schwung Macrons

Zugleich ist sie bereits Auslandsdeputierte Frankreichs, berät in dieser Funktion das französische Parlament. Sie weiß also, wie Politik funktioniert – in beiden Ländern. Und wohl gerade deswegen ist sie ist hin- und hergerissen zwischen bebender Begeisterung und großer Sorge über das, was gerade in Frankreich passiert: "Was für einen Schwung Präsident Macron nach Paris gebracht hat", schwärmt sie und dass sie ihn unterstützen wolle – die studierte Umweltwissenschaftlerin will vor allem den ökologischen Umbau Frankreichs vorantreiben. Da gebe es viel nachzuholen. Zugleich aber sorgt sie sich, dass Macrons Bewegung En Marche! an den eigenen Ansprüchen und dem Chaos implodieren könnte. 

Wer Anna eine Weile zuhört, versteht den Wums, der durch das politische System Frankreichs gegangen ist, wie er das bisherige Parteiensystem zerbröselt und wie wenig sich der Staub bisher gelegt hat. Noch bis vor ein paar Tagen hatte die 40-Jährige gehofft, auch offiziell für En Marche! kandidieren zu können – immerhin gehören bekannte Grüne wie Daniel Cohn-Bendit zu dessen Beraterkreis, und Umweltminister wurde gerade Nicolas Hulot, eine Ikone der Umweltbewegung. Doch vor wenigen Tagen erst entschied sich En Marche! für einen anderen Kandidaten, man wollte niemanden, der noch in einer anderen Partei aktiv ist. So kandidiert sie jetzt für die französischen Grünen, die sich wiederum fast aufgelöst haben – verspricht aber den Wählern zugleich, im Parlament den Präsidenten zu stützen. Und wird von Cohn-Bendit gestützt.

So viel besser als in Frankreich

Verwirrend? "Klar ist das verwirrend. Aber viel besser als die lähmende Unbeweglichkeit, die vorher herrschte", sagt Anna. Aber die Stimmung sei jetzt so viel besser in Frankreich. Vor allem die jungen Wähler, mit denen sie rede, seien so begeistert. Erst gestern in Prag habe sie das wieder gespürt. Dass viele Franzosen gerade im Ausland sich fast nicht mehr trauten, daran zu glauben, dass die Politiker etwas zum Besseren wenden können. Und wie sie doch hofften: "Wir kriegen das hin." So viele tolle und motivierte Leute habe sie schon getroffen, interessante Gespräche geführt, allein das sei den Wahlkampf wert.

An diesem Nachmittag in Heidelberg ist die Batterie des Handys leer, bevor Anna einen einzigen Franzosen gefunden hat – die App mit den Punkten verschlingt zu viel Energie. "Unser Kampagne läuft ja auch über das Netz und über Mail", seufzt Anna und dass das ja auch wirke. Da ist wieder die Autosuggestion, die wahrscheinlich jeder Wahlkämpfer braucht. Warum sie überhaupt Straßenwahlkampf macht? "Ich glaube einfach, dass sich rumspricht, dass ich was tue", sagt Anna und grinst: "Das ist ein bisschen wie Homöophatie. Wenn man dran glaubt, dann wirkt es." Am kommenden Sonntag wird sie wissen, ob das stimmt.