So möchte man den Bundestag öfter erleben wie in der Debatte über die Ehe für alle: lebendig, leidenschaftlich, persönlichen Einsichten und Überzeugungen Raum gebend, nicht vom Fraktionszwang zu steriler Abstimmungsautomatik erniedrigt. 38 Minuten lang blitzte bei den Abgeordneten der Ursprung des Begriffs Parlament durch: Es wurde geredet und gerungen, ehe abgestimmt wurde.

Warum so nur dann, wenn es um eine bewegende Frage des Lebensstils geht, nicht aber bei Fragen, wo es um Leben und Überleben geht – etwa um die Auslandseinsätze der Bundeswehr? Wann hat der Bundestag das letzte Mal 38 Minuten über Afghanistan geredet?

Die Nato hat unlängst beschlossen, weitere Soldaten nach Afghanistan zu schicken. Derzeit stehen dort etwa 12.000 Soldaten, darunter 9.800 Amerikaner. Die Bundeswehr hat ihr Engagement schon letztes Jahr erhöht; die Mandatsobergrenze von 980 Soldaten will die Bundeskanzlerin aber – wohl nicht zuletzt im Hinblick auf die Bundestagswahlen – nicht schon wieder anheben. General John Nicholson jedoch, der amerikanische Oberkommandierende in Afghanistan, sprach im Kongress offen von einem militärischen Patt. Er fordert weitere 5.000 US-Soldaten.

USA dürften Aufstockung beschließen

US-Präsident Donald Trump hatte als Kandidat angekündigt, den "Islamischen Staat" (IS), der neuerdings auch in Afghanistan Fuß fasst, zur Hölle zu bomben. Im April ließ er Amerikas "mother of all bombs" auf ein Tunnelsystem im Osten Afghanistans abwerfen, die größte nicht atomare Waffe mit einer Sprengkraft von 8,2 Kilotonnen TNT (fast die Sprengkraft der Hiroshima-Bombe). Mehr als ein Knalleffekt kam dabei nicht heraus.

Eigentlich hatte Trump mit allem nation building aufhören wollen; andererseits möchte er sich nicht den Verlust Afghanistans ankreiden lassen. Jetzt hat er sich in die Büsche geschlagen: Die Entscheidung, wie es weitergehen soll, hat er den Militärs überlassen. Mit Sicherheit wird das Pentagon einen neuen surge beschließen – also wieder einmal eine Aufstockung der militärischen Präsenz. Manches Anzeichen deutet darauf hin, dass die Mission der US-geführten Koalition erneut über Ausbildung und Beratung der afghanischen Sicherheitskräfte hinaus ausgeweitet wird auf reguläre Kampfeinsätze.

Als die Bundeswehr nach dem 11. September Ende 2001 ihren Einsatz in Afghanistan begann, ging es zunächst nur um den Schutz der Regierung in Kabul; 2006 erst wurde ihr die Nordregion als Verantwortungsbereich mit Kundus, Masar-i-Scharif und Faisabad zugewiesen. Dort sollte sie ein stabiles Umfeld für den zivilen Wiederaufbau schaffen und den Aufbau der afghanischen Armee und Polizei unterstützen. Mehr und mehr wurden die Soldaten jedoch in Kriegshandlungen verwickelt. Die deutsche Öffentlichkeit nahm dies lange Zeit hin. Es galt der Satz des SPD-Verteidigungsministers Peter Struck: "Deutschland wird auch am Hindukusch verteidigt." Doch verlor er an Überzeugungskraft, je länger sich der Konflikt hinzog, den man seit Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg "Krieg" nennen durfte.

Gewiss hat sich die Lage im Laufe der Zeit verbessert. Von Afghanistan aus wirkt kein Terror mehr in die Welt; die Terroristen haben inzwischen andere Bastionen. Es wurden Straßen, Brücken, Stromleitungen, Kraftwerke und Schulen gebaut – Schulen, die nun an die acht Millionen Schüler besuchen dürfen, darunter 2,9 Millionen Mädchen. Doch ist nicht alles Gold, was glänzt. Die Fernstraßen sind nur zeitweise unter der Kontrolle der Regierung, Elektrizität haben nur 30 Prozent der 32 Millionen Einwohner, des Lesens und Schreibens kundig sind bloß 39 Prozent der über 15-Jährigen, von den Frauen sogar nur 12,6 Prozent. Hinzu kommen die alles durchdringende Korruption, die lähmende Zerstrittenheit der Regierung, die hohe Desertationsrate in Armee und Polizei, die alltägliche Gewalt und die ständig steigende Zahl der Terroropfer.

Nach offiziellen amerikanischen Angaben werden 40 Prozent des Landes von den Taliban beherrscht oder umkämpft; dies betrifft ein Drittel der Bevölkerung. Staatliche Verwaltungsstrukturen sind in weiten Gebieten in desolatem Zustand – oder gar nicht präsent, wie in den südlichen Regionen, in denen 70 Prozent des weltweit gehandelten Opiums und Heroins erzeugt werden. Von Stabilisierung kann also keine Rede sein.