Einer der am meisten unterschätzten Vorteile einer liberalen Demokratie ist, dass die Bürger sich normalerweise nicht mit Verschwörungstheorien auseinandersetzen oder diese verbreiten müssen, um die politischen Entwicklungen zu verstehen. Wenn man in einer Monarchie, Theokratie oder Diktatur lebt, weiß man, dass der Staat einige grundsätzliche politische Entwicklungen vor der Öffentlichkeit versteckt hält. Unter diesen Umständen sind wilde Spekulationen nicht irrational; sie sind die vernünftige Antwort auf ein verschwiegenes und zumeist beschädigtes System.

Es sagt deshalb viel über den traurigen Zustand der amerikanischen Republik, dass wir alle in den vergangenen Monaten dazu gezwungen waren, uns an Spekulationen über Verschwörungen zu beteiligen. Immer mehr Hinweise über die Hintergründe geheimer Absprachen zwischen Russland und Trump kamen ans Licht. Es gab viele Gründe, sich zu fragen, ob Trumps Team aktiv mit dem Kreml zusammengearbeitet hat. Es war unmöglich, sich nicht wie besessen mit halbgaren, halbparanoiden Theorien zu beschäftigen.

Deshalb war ich seltsamerweise erleichtert, als sich die wildeste und am wenigsten wahrscheinliche Verschwörungstheorie bestätigte: Wir wissen nun, dass die wichtigsten Mitglieder von Trumps Wahlkampfteam bereit – und sogar begierig – waren, illegal erhaltene Informationen über ihre Gegnerin einzusetzen. Sie hatten das vor, obwohl sie wussten, dass die Informationen ihnen von einer feindlichen Macht bereit gestellt wurden.

Russland-Affäre - Trump Jr. gerät in Bedrängnis In der Affäre um die mögliche Einflussnahme Russlands auf die US-Wahl ist Donald Trump Jr. in den Fokus gerückt. E-Mails belegen, dass er belastbares Material über Hillary Clinton beschaffen wollte. © Foto: Nick Didlick/Reuters

Ihre Selbstbeschuldigung hätte nicht eklatanter sein können. Während des Wahlkampfs 2016 bot eine russische Quelle dem Sohn des Präsidenten, Donald Trump Junior, "sehr hochrangige und sensible Informationen" über Hillary Clinton an. Als "Teil von Russlands Unterstützung für Mr. Trump".

"Ich liebe es", antwortete Donald Trump Junior.

Obwohl diese schmutzige Angelegenheit vielleicht kein Verrat im juristischen Sinne ist, besteht wenig Zweifel darüber, dass Geschichtsschreiber unserer turbulenten Zeit Donald Trump, Donald Trump Junior, Jared Kushner und Paul Manafort als Verräter bezeichnen werden.

Für seine Anhänger scheint Trump ein Zauberer zu sein

Als sich in den vergangenen Monaten Hinweise für Trumps Inkompetenz häuften, lobten ihn einige begeisterte Anhänger als einen Meister der Manipulation. Als er Tweets absetzte, die viele verbündete Republikaner entsetzten, sahen sie diese als gelungene Ablenkungsmanöver. Und als er sich vom russischen Präsidenten Wladimir Putin zu einer gemeinsamen Einheit für Cybersicherheit überreden ließ (auch wenn er diese Absicht später zurücknahm), kamen sie zu dem Schluss, dass er nur einen Schritt davon entfernt war, die nächste Wahl zu seinen Gunsten zu manipulieren. In ihren Köpfen scheint Trump wie ein Zauberer zu sein, gesegnet mit magischen Kräften.

Die jüngste Serie an peinlichen Fehlern, die Trumps Lager sich geleistet hat, deckt auf, wie absurd das war. Trump hat nicht die geringsten Versuche unternommen, seine Absichten zu verschleiern. Und anscheinend kann er nicht verhindern, dass sein Versagen und das seiner Mitarbeiter immer deutlicher wird. Das zeigt erneut, wie inkompetent Trump und sein Team sind. Die Vermutung, dass Donald Trump dreidimensionales Schach spielt, ist damit unhaltbar. Er hat offensichtlich keinen Masterplan, die amerikanische Demokratie zu untergraben.