Das hatte das scheinbar übermächtige Protokoll nicht vorgesehen: Emmanuel Macron schritt im Château de Versailles, dem vielleicht berühmtesten Königsschloss der Welt, die republikanische Ehrengarde ab, blieb vor dem letzten Soldaten stehen und grüßte ihn. Vor ihm war der Parlamentspräsident ohne Gruß vorbeigegangen, der französische Präsident lächelte nun, wo vor den Soldaten doch kein Lächeln hingehörte. Das ist die Methode Macron: nichts lassen, wie es ist. Überall und jederzeit zeigen, dass er, seine Regierung und seine neue Parlamentsmehrheit anders ticken.

Aber das war auch der Sinn der pompösen Veranstaltung in Versailles, vor der Macron an diesem Montag seine erste große innenpolitische Rede seit seinem Amtsantritt im Mai hielt. Im sogenannten Kongress von Versailles waren die Abgeordneten beider französischer Parlamentskammern, von Nationalversammlung und Senat, zusammengetreten, um erstmals in der Geschichte der Fünften Republik zum Beginn der Amtszeit eines Präsidenten dessen Regierungserklärung entgegenzunehmen. Zuvor hatte es bereits reichlich Kritik gegeben, dass Macron es übertreibe mit seinem sehr präsidentiellen, fast schon monarchistischen Habitus.

Also blieb er vor der Versammlung zunächst cool. Er kündigte schlicht eine lange Liste politischer Reformen an: Ein neues Verhältniswahlrecht soll in Zukunft die Repräsentativität des Parlaments erhöhen. Die Zahl der Abgeordneten von Nationalversammlung und Senat soll um ein Drittel verkleinert werden. Eine Sondergerichtsbarkeit für Minister soll abgeschafft werden. Das Petitionsrecht für einfache Bürger soll gestärkt werden. Über bestimmte Gesetze soll schon in den Ausschüssen endgültig abgestimmt werden können. Einmal im Jahr soll von nun an der Präsident Rechenschaft vor dem "Kongress von Versailles" ablegen. All das soll dazu dienen, sagt Macron, das Vertrauen der Franzosen in die Politik zurückzugewinnen. "Im Angesicht unserer moralischen Krise muss jeder seinen Platz neu bestimmen. Die Antwort können nicht neue Gesetze geben, es bedarf der wiedergefundenen Würde von jedem von uns", sagte Macron.

"Was anderes überzeugt die Franzosen nicht"

Die Ankündigungen des Präsidenten aber sollten noch einen höheren Zweck erfüllen, nämlich "die Richtung" seiner fünfjährigen Amtsperiode markieren. Also sprach Macron von einem "progressiven Projekt", für das er kämpfe. Vertrauen und Transparenz sollen es prägen. "Fortschrittlichkeit, dass bedeutet Schritt für Schritt einen gerechteren, effizienteren Weg zu beschreiten und jeden Tag neu die Werte von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit in die eigene Aktion zu integrieren." Solche schönen Worte gab es nun immer mehr in seiner Rede. "Ich würde nicht sagen, dass er mit seinem Herzen sprach, aber er sprach ohne Kalkül, aus voller Überzeugung, seine Rede war fast schon literarisch", bemerkte anschließend der Abgeordnete Said Ahamada aus den armen Vierteln im Norden von Marseille. Ahamada, der Macrons Partei LREM angehört, war einverstanden: "Was anderes überzeugt die Franzosen nicht."  

Zu den Ankündigen Macrons gehörte auch, dass der seit den Pariser Attentaten vom November 2015 gültige Ausnahmezustand in Frankreich im Herbst beendet werden soll. Und wieder einmal nahm Europa einen großen Platz in der Rede des neuen französischen Präsidenten ein: Der Status quo reiche nicht, man müsse wieder an die Europa-Überzeugung der alten Generationen anknüpfen. Dazu will er ab dem Herbst in ganz Europa "demokratische Konvente" einberufen – eine Idee, die Macron schon im Wahlkampf vertrat, ohne dass klar war, wie und mit wem er diese Konvente über Frankreichs Grenzen hinaus organisieren will. Doch Macron glaubt offenbar, dass er dabei die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel auf seiner Seite haben wird. Ausdrücklich erwähnte er in seiner Rede die gute Zusammenarbeit mit ihr. Kein anderer Partner fand sonst namentliche Erwähnung.

Nicht immer wirkte der 39-jährige Newcomer Macron unbeeindruckt von der historischen Kulisse in Versailles. Ungewöhnlich oft hefteten seine Blicke am Redemanuskript. Erst zum Ende konnte er sich in freier Rede davon befreien. Da sprach er von den großen Prinzipien der französischen Republik, die es immer zu wahren gelte. "Frankreich braucht ein neues humanistisches Projekt für diese Welt. Beim Klima muss Frankreich vorangehen und der Welt die Richtung zeigen." Er sprach sich für ein besseres Asylrecht aus: "1945 nannten wir die politischen Flüchtlinge Kämpfer für die Freiheit." Das klang alles sehr engagiert. So wie man ihn aus dem Wahlkampf kannte. Am Dienstag soll nun die Regierungserklärung des Premierministers folgen, die stärker ins Detail geht. Dann beginnt die tatsächliche Arbeit im Parlament mit den harten Themen Arbeitsmarktreform und Terrorismusbekämpfung. Und Macron wird keine schönen Reden mehr halten können. Als Macher aber ist er den Franzosen bisher noch unbekannt.