Der Direktor der EU-Grenzschutzagentur Frontex fordert einen Verhaltenskodex für Nichtregierungsorganisationen. Fabrice Leggeri appellierte an die Seenotretter, die italienischen Behörden im Kampf gegen Schleuser zu unterstützen. Zum Beispiel sollen Beweise gesammelt werden, die bei der Bekämpfung der Schmugglernetzwerke helfen.

Problematisch sei vor allem, dass die Rettungseinsätze immer näher an der libyschen Küste stattfinden. "Die Schlauchboote der Schlepperbanden sind von sehr schlechter Qualität. Manchmal entfernen die Menschenschmuggler sogar die Motoren, sobald die Boote internationale Gewässer erreicht haben – in der Erwartung, dass die Flüchtlinge schnell gerettet werden", sagte Leggeri der Passauer Neuen Presse. Die Schleuser würden die Hilfsorganisationen auf diese Weise in ihr Geschäftsmodell einbeziehen.

Auch Bundesinnenminister Thomas de Maizière hatte die im Mittelmeer agierenden Hilfsorganisationen kritisiert. Demnach gebe es Anzeichen dafür, dass die Schiffe der Seenotretter ihre Transponder abstellen, um die aktuelle Position zu verschleiern. Sein italienischer Kollege Marco Minniti habe ihm gesagt, dass sich die Boote regelwidrig in libysche Gewässer begeben und dort vor dem Strand ihre Positionslichter anschalten. So helfe man Schleppern bei der Orientierung. "Das löst kein Vertrauen aus", sagte de Maizière.

Die NGOs wiesen die Vorwürfe zurück. Vor allem die Sendeanlagen der kleineren Boote können keine konstante Verbindung zu Funkstationen aufbauen, so die Organisation Proactiva Open Arms. Die Scheinwerfer benötige man zudem, um Hilfebedürftige in der Dunkelheit zu finden. Sie täten nur das, "wozu die Staaten der EU offensichtlich nicht willens sind: Menschen vor dem Ertrinken zu retten", so die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen.

Eine Auswertung von Positionsdaten der Rettungsboote durch ZEIT ONLINE kommt zu einem ähnlichen Ergebnis. Die Helfer halten sich an die Regeln, weniger Helfer bedeutet mehr Tote.

Etwa 22 Kilometer vor der libyschen Küste verläuft die Grenze, welche die Seenotretter nicht überqueren dürfen. "Diese Menschen sind schon in Seenot, wenn sie den Strand verlassen", sagt Ingo Werth, ehrenamtlicher Kapitän der Hilfsorganisation Sea-Watch. Die Schlepper zwängen häufig zu viele Personen auf die Boote, teils unter Waffengewalt.

Laut Leggeri kommen die meisten aufgegriffenen Flüchtlinge derzeit aus Nigeria und Guinea, auch die Zahl der Menschen aus Bangladesch sei stark angestiegen. "Aufgrund der Nationalitäten haben die Flüchtlinge kaum Chancen, Asylschutz in Europa zu erhalten, weil sie nicht aus Ländern kommen, in denen Krieg herrscht", sagte Leggeri.

Seit Anfang des Jahres sind laut dem UN-Flüchtlingshilfswerk rund 110.000 Menschen über das Mittelmeer nach Europa gekommen, zum Großteil über die zentrale Route von Lybien nach Italien.