Unmittelbar vor dem G20-Gipfel in Hamburg hat der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan den Ton gegenüber der Bundesregierung verschärft. Insbesondere kritisierte er, nicht vor Landsleuten in Deutschland sprechen zu können: "Deutschland begeht Selbstmord", sagte Erdoğan in einem ausführlichen Interview mit ZEIT-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo: "Deutschland muss diesen Fehler korrigieren."

Über die Bemühungen der Bundesregierung im Fall des seit mehr als 140 Tagen in der Türkei inhaftierten deutsch-türkischen Journalisten Deniz Yücel sagte Erdoğan, er könne nicht verstehen, dass man sich so sehr für eine Person einsetze: "Dass Frau Merkel überhaupt die Rettung eines Terrorverdächtigen auf die Tagesordnung bringt, war für mich auch sehr, sehr sonderbar." 

Auf die Frage, ob ein Journalist, der Terroristen oder auch nur einen vermeintlichen Terroristen interviewe, dadurch in seinen Augen zum Unterstützer werde, sagte der türkische Präsident, das sei ein Verbrechen: "Sie leisten damit Beihilfe zur Propaganda der Terroristen. Das wird auch von den Anklageorganen überall auf der Welt so bewertet."

Erdoğan äußerte zudem sein Unverständnis darüber, dass die Bundesregierung zurückhaltend auf sein Gesuch reagiert hatte, Gülen-Anhänger in die Türkei auszuliefern: "Ich habe sie von Frau Merkel gefordert, warum werden sie uns nicht zurückgegeben?" Solange die deutsche Regierung dies nicht tue, werde die Türkei Deutschland als ein Land ansehen, dass Terroristen schütze, sagte Erdoğan.

"Wir brauchen einander"

Gleichzeitig betonte der türkische Präsident die Bedeutung der türkisch-deutschen Beziehungen angesichts der gemeinsamen Mitgliedschaft in der Nato, der Handelsbeziehungen und der drei Millionen Türken, die in Deutschland leben: "Wir brauchen einander", sagte Erdoğan. "Wir müssen das bewahren."

Zu seinen persönlichen Beziehungen mit der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel, mit der ebenfalls ein Interview in derselben Ausgabe der ZEIT erscheint, sagte Erdoğan, er habe sich mit ihr nicht überworfen: "Ich habe kein Problem mit der Kanzlerin." Gleichwohl merkt er an, dass die Beziehungen in der Regierungszeit von Gerhard Schröder "wirklich sehr anders" gewesen seien. Er vermisse diese Zeit und sagte: "Ich hoffe, dass wir wieder dahin kommen."