Es gab mal eine Zeit, Jahre bevor Donald Trump und Wladimir Putin sich an diesem Freitag in Hamburg treffen, da wollte die Uni Hamburg Putin zum Ehrendoktor ernennen. Normalerweise erhalten nur erstklassige Wirtschaftswissenschaftler diesen Titel. Im Sommer 2004 war das etwas anders. Weil sein Freund Gerhard Schröder zuvor den Doktor der juristischen Fakultät in St. Petersburg verliehen bekommen hatte, wollten (oder sollten) die Hamburger Putin ebenso auszeichnen. "Maul halten", entgegnete Henning Voscherau, SPD, Hamburgs Ex-Bürgermeister und Schröders Duzfreund, denjenigen, die sich über die Pläne empörten.

Die Debatte um Dr. h. c. Putin zeigte, wie der ehemalige KGB-Spion von ausländischen Politikern unterstützt wird, obwohl er Kriegsverbrechen begeht. Damals wirkte erst gehöriger öffentlicher Protest: Putin, der Hamburg für die schönste Stadt Deutschlands hält, blieb Putin ohne Doktor honoris causa.

Danach ließ er im zweiten Tschetschenienkrieg Grosny weiter zerstören, eroberte Teile Georgiens, annektierte die Krim sowie de facto den Südosten des ukrainischen Festlands. Trotz oder gerade wegen dieser neuen Kriege nahm das Ansehen Putins nicht ab. Bis heute hat sich weltweit das Bild des starken russischen Präsidenten durchgesetzt. Wenn Trump und Putin sich neben den offiziellen Terminen des G20-Programms in Hamburg die Hände reichen werden, wird vom ersten Treffen der beiden ein Signal um die Welt gehen: Da stehen sich zwei auf Augenhöhe gegenüber. Für treue Putinisten sogar ähnlich wie einst Kennedy und Chruschtschow.

Das Problem daran: 2017 ist nicht 1961. Putins Russland ist keine Weltmacht, wie es die Sowjetunion war – auch wenn Russlands Propaganda diesen Eindruck erweckt. Zum Herrschaftsprinzip Putins zählen Desinformation und die Verknüpfung von Innen- und Außenpolitik. Innere Schwäche wird mit äußerer Militärstärke kompensiert. Das machen andere Autokraten ebenso. Aber im Falle des heutigen Russlands ergibt sich daraus eine beachtliche Lücke zwischen Schein und Sein.

Die ökonomische Leistung Russlands fiel von 2008, als der Georgienkrieg begann, bis 2016 um fast 23 Prozent. Wirtschaftspolitisch ist Russland lediglich ein großer Zwerg. Die USA, China, Japan, Deutschland, Frankreich, Brasilien, Großbritannien, Indien, Kanada und Italien – zehn Staaten der Erde verfügen über ein wesentlich höheres Bruttoinlandsprodukt als Russland.

Trumps Schwäche ist Putins Stärke

Putin überspielt diese ökonomische Schwäche. Wenn er dieser Tage im Hyatt in Hamburgs Innenstadt eincheckt, um sich mit den übrigen G20-Kollegen auszutauschen, wird er auch deshalb als der mächtigste Mann der Welt empfangen. Laut Forbes trägt er diesen Titel seit 2013, als er Barack Obama überholte. Das Ranking bemisst das Ausmaß der Macht, die eine einzelne Person auf viele andere hat, auf weltpolitische Geschehnisse sowie auf Kapital, was diese Person steuern kann. Letzteres ist in Russland trotz des Ölreichtums begrenzt. Der Anschein Russlands geopolitischer Stärke basiert mitnichten auf finanzieller Power. Aber: Worauf dann? Warum wirkt Putin so stark?

1. Weil er erfahren ist

Den mächtigsten Mann der Welt spielen, das hat Putin lange geübt. Im Sommer 2019 wird er zwanzig Jahre an der Spitze Russlands stehen, mal als Ministerpräsident, mal als Präsident, immer als Lenker eines Staates, der keine Person oder Institution duldet, die in wichtigen Fragen als Korrektiv dient. Kurz gesagt: Er kann mittlerweile fast machen, was er will. Im Inland ist das Staatswesen auf ihn zugeschnitten. Und im Ausland hat er so viel Erfahrung gesammelt, dass er nur noch einem vertraut: seinem eigenen Instinkt.

Putin ist kein Stratege, aber ein Taktiker. Mit den begrenzten Mitteln, die die russische Wirtschaft nach Abzug aller Schmiergelder erwirtschaftet, weiß er eine Menge anzufangen. Das Geld, das er zur Verfügung hat, kann er völlig frei einsetzen. Aus diesem einzigartigen Konstrukt zwischen gelenkter Demokratie und Diktatur ist eine neue Herrschaftsform entstanden. Obwohl er mit seinen 64 Jahren noch lange nicht am Ende seiner politischen Laufbahn steht, streiten Historiker und Publizisten schon über die Definition des Putinismus. (Laut Walter Laqueur ist es ein Staatskapitalismus mit liberaler Wirtschaftspolitik und erheblichen staatlichen Eingriffen, die bei wichtigen Dingen nahezu total sind.)

2. Weil Trumps Schwäche Putins Stärke ist

Außerhalb Russlands entfaltet der Putinismus seine Wirkung immer dann, wenn andere ihn machen lassen, allen voran die USA. Deshalb schaffte Russland es besonders im zurückliegenden Jahr, sich erfolgreich als Ordnungsmacht zu inszenieren. Während Barack Obama sich in Talkshowauftritten auf sein Karriereende vorbereitete und Donald Trump wegen seiner persönlichen Russland-Affäre die einheimischen freien Medien bekämpfte, präsentierte sich Putin im Jahr 2016 als Leader.

Spätestens seit klar war, dass Hilary Clinton nicht Präsidentin wird, wird im Kreml daran gearbeitet, die Ohnmacht der USA auszunutzen. Der wichtigste Grund für Putins Stärke ist Trumps Schwäche. Dabei ist es nebensächlich, ob Putin die Wahlen in den USA mit Unterstützung Trumps beeinflusste oder es ob russischen Hackern ohne die persönliche Hilfe des aktuellen US-Präsidenten gelang, den Kern der amerikanischen Demokratie zu manipulieren. Das Resultat ist so oder so in Putins Sinne: Unter Trump irrlichtern die USA außenpolitisch durch eine Welt, die Putin scheinbar ordnet.

So isoliert wie jetzt in Hamburg waren die US-Amerikaner im Kreis der führenden Wirtschaftsnationen lange nicht mehr. Putin dagegen hat zu den meisten Staats- und Regierungschefs der G20 seit Jahren eine Beziehung aufgebaut, die er für seine Ziele nutzt.   

Putin verunsichert die Welt

3. Weil Syrien Putins größter Erfolg ist

"Putin stößt in fast jedes Vakuum, das die USA hinterlassen. Deshalb erscheint Russland immer so stark, wie der Westen schwach wird", sagt Stefan Meister, Russlandexperte der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik. Beobachten kann man dies vor allem auf dem weltweit derzeit größten Schlachtfeld: in Syrien.

Ohne Russland geht in weiten Teilen des Landes inzwischen nichts mehr. Seit 2015 gelang es Putin nicht nur, seine wichtigen Marine- und Luftwaffenstützpunkte in Tartus und Latakia zu sichern. Er hat dazu dem damals fast wegrevolutionierten Diktator Baschar al-Assad wieder zu einer machtvollen Zukunft verholfen. Wie das möglich war? Während Putin und sein Außenminister Lawrow die Weltgemeinschaft über die wahren Kriegsziele Russlands kontinuierlich belogen, flogen russische Kampfjets in Syrien zuverlässig ihre Angriffe. In Syrien hieß der Kriegsvorwand IS. Offiziell flog die russische Luftwaffe nur Angriffe gegen radikale Terroristen des selbst ernannten "Islamischen Staates". Tatsächlich unterstützten russische Söldner und Flugzeuge in Kooperation mit den Einheiten des Irans vor allem die Truppen von Assad. Jener Diktator, nach dessen Definition jeder regimekritische Syrer ein Terrorist ist. Stadt für Stadt konnte so wieder unter Kontrolle Assads gebracht werden. Putins Vorteil liegt darin, dass er bei der zukünftigen Aufteilung Syriens oft das letzte Wort haben wird, genauso wie in den Minsker Verhandlungen über die Zukunft der Ukraine.

4. Weil Putin noch weiter blufft

Auch wenn das russische Militär schon für den Einsatz in Syrien an seine Grenzen geriet, ist das nicht der einzige Ort, an dem Russland seine Stärke zur Schau stellen will. In den Pseudorepubliken Abchasien und Südossetien in Georgien zählen die Machthaber weiterhin auf Russlands Beistand, wie auch die Separatisten in der Ukraine. Auch in Afghanistan ist Russland aktiv. Russische Söldner werden für den Hindukusch ausgebildet, während gemeinsam mit China und Pakistan an einem russischen Zukunftsplan für Afghanistan gearbeitet wird. Dann ist da noch Libyen, wo russische Soldaten den umstrittenen Militärkommandeur Chalifa Haftar unterstützen. Oder auch Ägypten, wo zwar keine russische Militärhilfe geleistet wird, aber russische Kredite zum Bau eines Atomkraftwerkes den ehemaligen General Abdel Fatah al-Sissi zum Verbündeten machen sollen.

An all diesen Orten soll ein Bild entstehen: Russland kümmert sich und ist als Ordnungsmacht zur Stelle, während die USA über die Tweets ihres Präsidenten diskutieren. "Mit den Ängsten im Westen weiß Putin trefflich zu jonglieren. Er schafft Krisenherde unterhalb der Schwelle eines großen Konflikts, verunsichert die Welt (...) und bietet sich dann als Helfer an, um die Brandherde zu löschen", schreibt Manfred Quiring in Putins russische Welt – Wie der Kreml Europa spaltet. Putin braucht dieses Spiel mit dem Feuer, um Russland als globalen Retter darzustellen. Die wirtschaftliche Schwäche im Inneren soll so mit äußerer Stärke verdeckt werden. So entsteht der Eindruck eines starken Anführers. Gleichzeitig ist das der große Bluff Putins. Er hält außenpolitisch so viele Karten im Spiel, die er nie ausspielen kann.

Stefan Meister von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik nennt den russischen Präsidenten deshalb einen "Spoiler". Putin erwecke Erwartungen, die er nicht erfüllen kann. Viel PR, wenig Substanz. Denn am Ende führen Russlands Kriegsabenteuer keinesfalls dazu, dass die teilweise von Putin selbst erschaffenen Konflikte gelöst werden.

Was bleibt, ist was anderes. Beispielsweise Gesprächsthemen für einen G20-Gipfel. Ohne eine Übereinkunft mit Putin können viele Probleme der Welt nicht gelöst werden. Auf den Schlachtfeldern Syriens oder der Ukraine wird Putin allein deswegen weiter bomben lassen – ohne Ehrendoktortitel, aber mit der Option, weiterhin der vermeintlich mächtigste Mann der Welt zu sein.