Das künftige Staatsoberhaupt in Indien kommt von ganz unten – dies steht schon vor der Wahl an diesem Montag fest. Denn sowohl die Regierungspartei BJP von Premierminister Narendra Modi als auch die Opposition um die Kongresspartei haben einen Kandidaten aus der untersten Schicht des Kastensystems nominiert. Angehöriger dieser Kaste galten einst als Unberührbare und werden heute Dalits genannt. Und einer von ihnen wird von den knapp 5.000 Abgeordneten der Parlamente des Landes und der Bundesstaaten gewählt werden.

Dazu gehört auch der 71-Jährige Ram Nath Kovind, bislang Gouverneur des Bundesstaates Bihar. Seine Gegenkandidatin ist die Diplomatin Meira Kumar. Die 72-Jährige amtierte bislang als erste weibliche Parlamentspräsidentin des Landes. Der Sieger wird Indiens zweiter Dalit-Präsident nach K. R. Narayanan, der das Amt von 1997 bis 2002 innehatte. 

Anders als die meisten in der untersten Kaste haben es diese beiden weit gebracht. Die anderen rund 200 Millionen Dalits leiden noch immer unter der rigiden gesellschaftlichen Hierarchie des Landes, die sich an dem etwa 3.000 Jahre alten hinduistischen Kastensystem orientiert. Demnach wird jeder Inder von Geburt an je nach Zugehörigkeit seiner Familie entweder einer der vier Hauptkasten – einer sogenannten Varna – oder den "Unberührbaren" zugeordnet.

Zwar sieht die Verfassung von 1950 ein System der positiven Diskriminierung für benachteiligte Gruppen vor. Tatsächlich ist die eigentliche Diskriminierung der "Unberührbaren" allgegenwärtig. Den Angehörigen der Kaste wird weiterhin der Zutritt zu Tempeln oder das Trinken aus gemeinschaftlichen Brunnen verboten. Noch heute besitzen die meisten Dalits kein Land und arbeiten vor allem körperlich; viele sind Müllsammler. Dass es für Dalits Quoten im Parlament, bei Verwaltungsberufen oder in Universitäten gibt, hilft da nur wenig.  

Kenner des Landes gehen davon aus, dass sich durch die Wahl des neuen Präsidenten daran nicht viel ändern wird. Die Macht in Indien obliegt dem Premierminister, der Posten des Staatsoberhaupts ist vor allem ein zeremonieller. So wie der deutsche Bundespräsident wird auch Nachfolger von Amtsinhaber Pranab Mukherjee vor allem repräsentative Aufgaben übernehmen.

Dass erstmals zwei Dalits gegeneinander antreten, sehen viele zudem als eher innenpolitisches Kalkül der hindu-nationalistischen Regierungspartei. Mit der Nominierung ihres Dalit-Kandidaten will sich die BJP als besonders fortschrittlich präsentieren und möglichst viele Stimmen aus den unteren Schichten abgreifen – auch im Hinblick auf die kommende und bedeutsamere Wahl für eine neue Regierung.