Die irakischen Regierungstruppen haben Mossul nach Regierungsangaben vollständig von der Dschihadistenmiliz "Islamischer Staat" (IS) zurückerobert. Regierungschef Haider al-Abadi beglückwünsche die Armee zu diesem "bedeutenden Sieg", wie Al-Abadis Büro mitteilte.

Al-Abadi ist laut BBC inzwischen in Mossul eingetroffen, um irakischen Truppen zum Sieg zu gratulieren und den "mutigen Kämpfern und Irakern für den Sieg" zu danken. Zuvor hatte die irakische Armee die restlichen IS-Gebiete innerhalb der Stadt nahezu komplett erobert.

Hunderte Zivilisten waren aus der Stadt geflüchtet, nachdem die Armee ihre Angriffe auf die letzten verbliebenen Stellungen des "Islamischen Staats" verstärkt hatte. Die Terrormiliz halte nur noch kleinere Gebiete in der Stadt unter Kontrolle, hieß es von Quellen vor Ort.  

Mossul ist die zweitgrößte Stadt im Irak. Der IS hatte die Metropole 2014 erobert und von dort aus ein islamistisches Kalifat in Teilen des Irak und Syriens ausgerufen. Die irakischen Truppen hatten im Oktober mit der Rückeroberung begonnen. Der Ostteil der Stadt wurde im Januar zurückerobert, einen Monat später begann der Militäreinsatz im Westteil der Stadt. Die internationale Anti-IS-Koalition unterstützte den Angriff aus der Luft.

Mindestens 50.000 Wohnungen in Mossul sind zerstört. 900.000 Menschen mussten seit Beginn der Offensive im letzten Oktober fliehen und hausen in Zeltlagern. Tausende Zivilisten kamen bei den Dauerbombardements der alliierten Luftwaffe ums Leben, wurden von Minen zerfetzt oder von den Extremisten auf der Flucht erschossen. "Wir erleben das Ende des Pseudokalifates", hat Iraks Ministerpräsident Haider al-Abadi bereits vor einer Woche getwittert.

Die Rückeroberung von Mossul ist ein wichtiger Schritt, vielleicht sogar der Anfang vom Ende des "Islamischen Kalifates". Doch das Schicksal der Terrormiliz, die in ihren mächtigsten Zeiten mehr als 35.000 Bewaffnete aus mehr als 100 Nationen kommandierte, ist damit keineswegs besiegelt. Im Irak halten die Gotteskrieger noch die strategisch wichtige Grenzstadt Tal Afar, wo sich weitere 1.000 bis 1.500 Extremisten verschanzt haben. Im Zentralirak kontrollieren sie den Distrikt Hawidscha nahe der Erdölstadt Kirkuk und im Westirak die Gegend um die Euphrat-Stadt Qaim.

Irak - Irakische Armee geht gegen letzte IS-Kämpfer in Mossul vor Nach neun Monaten langen Kämpfen hatte die irakische Regierung am Sonntag den Sieg über den "Islamischen Staat" in dessen Hochburg Mossul verkündet. © Foto: Alaa Al-Marjani / Reuters

Die Probleme sind die alten

Auch in der syrischen IS-Hochburg Rakka, die zehnmal kleiner ist als Mossul, stoßen die Angreifer mittlerweile zum Stadtzentrum vor, sodass sich immer mehr IS-Kämpfer in das weitläufige Hinterland von Deir Ez-Zor zurückziehen, wo die syrische Grenze zum Irak und Jordanien verläuft. In diesem Dreiländereck mit den Städten Majadin und Abu Kamal hält sich offenbar die IS-Führung versteckt. In der Region um Palmyra und Hama kontrolliert der IS ebenfalls noch beträchtliche Enklaven.

Und so werden nicht nur im Irak, auch in Syrien die Kämpfe noch viele Monate weitergehen. Zwar verlor der IS in letzter Zeit 60 Prozent seines Territoriums. Doch die Terrororganisation operiert längst international und könnte an vielen Orten ein Comeback versuchen. Denn sämtliche Probleme in der Region, die 2014 zu dem IS-Siegeszug führten, bestehen fort – inkompetente und korrupte Regime, zerrüttete Staaten, ausländische Interventionen, Religionskriege zwischen Schiiten und Sunniten, Konflikte zwischen Kurden und Arabern sowie Armut und Aussichtslosigkeit.

Nach einer Studie der amerikanischen Militärakademie West Point verübte die Terrormiliz in 16 syrischen und irakischen Städten, aus denen sie in letzter Zeit vertrieben worden war, insgesamt 1.500 neue Attentate. Der militärische Sieg sei zwar ein erster wichtiger Schritt, er reiche aber nicht aus, schreiben die Autoren. Um zu verhindern, dass der IS erneut erstarke, müsse in den zurückeroberten Gebieten für Sicherheit gesorgt, der Wiederaufbau vorangetrieben und eine funktionierende Verwaltung aufgebaut werden. Doch daran hapert es. Irakische Städte wie Ramadi und Falludscha, aus denen der IS vor über einem Jahr vertrieben wurde, sind bis heute praktisch unbewohnbar.