Marokkos König Mohammed VI. hat 1.178 Menschen die Strafe erlassen, teilte das marokkanische Justizministerium über die staatliche Nachrichtenagentur MAP mit. Darunter sind auch Hunderte Aktivisten, die im Norden des Landes an Protesten gegen die Regierung teilgenommen hatten. Ausgenommen ist laut der marokkanischen Tageszeitung Assabah aber der Anführer der Protestbewegung, der 39-jährige Nasser Zefzafi. Der Aktivist befindet sich seit Mai im Gefängnis. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, gemeinsam mit anderen Beschuldigten die Predigt eines Imams in einer Moschee in der Stadt Al-Hoceïma gestört zu haben.

Ein Anwalt der bei den Protesten festgenommenen Demonstranten, Abdessadek al-Bouchtaoui, nannte die Begnadigungswelle einen "positiven Schritt". Er reiche aber nicht aus. Al-Bouchtaoui forderte die Freilassung aller Menschen, die bei den Protesten gefasst wurden. Nach offiziellen Angaben wurden fast 180 Menschen festgenommen, außerdem wurden rund 70 Polizisten durch Steinwürfe und elf Demonstranten durch Tränengas verletzt.

In der nördlich gelegenen Provinz Al-Hoceïma kommt es seit Oktober vergangenen Jahres immer wieder zu großen Demonstrationen. Sie finden in der überwiegend von Berbern bewohnten Rif-Region statt. Die Menschen dort protestieren gegen Arbeitslosigkeit, die schlechte Gesundheitsversorgung, Polizeiwillkür und Korruption. Auslöser des Protests war der Tod des Fischhändlers Mohsin Fikri. Nachdem sein illegaler Fang konfisziert und vernichtet worden war, sprang der 31-Jährige in einen Müllwagen und starb in der Müllpresse. Daraufhin kursierte ein Video seiner Verzweiflungstat in den sozialen Netzwerken. In fast allen großen Städten waren vor allem junge Menschen auf die Straße gegangen, viele gehen von Mord aus.

Protestbewegungen und Volksaufstände haben seit Dezember 2010 viele Länder in Nordafrika und im Nahen Osten erfasst. Damals hatte König Mohammed VI. mit einer Verfassungsänderung dem Parlament mehr Macht übertragen. Seit April herrscht in Marokko eine neue Regierungskoalition aus Konservativen, Sozialisten und marktfreundlichen Parteien. Zusammen halten sie 240 der 395 Sitze im Repräsentantenhaus. Viele kritisieren den Einfluss des Königs in der Regierungsbildung. Die Schlüsselposten – Verteidigung, Sicherheit und Religionsangelegenheiten – wurden alle an Politiker vergeben, die dem König nahestehen, aber keine Parteizugehörigkeit haben.