Zum Beispiel Hasan. Hasan brach 2016 von Gambia nach Algerien auf, in Algier arbeitete er einige Monate als Fliesenleger. Als er genug Geld für die Fahrt nach Italien zusammen hatte, brachten ihn Schmuggler durch die Sahara nach Libyen, in die Küstenstadt Sabratha. Dort war Hasan eine Weile im Weißen Haus. So nennen sie die weiß getünchte Anlage, in der Migranten untergebracht sind. Tausende Menschen aus Gambia, Mali, Nigeria warten hier auf ihre gefährliche Reise nach Europa. Doch weit gekommen ist Hasan nicht.

Hasan ist einer der vielen Migranten, deren Boot auf dem Weg von Libyen nach Italien zu kentern drohte und der nun im Aufnahmezentrum Le Foyer in der tunesischen Stadt Medenine festsitzt. Rund 500 Menschen sind in zwei Aufnahmezentren in Medenine untergebracht, die meisten kommen aus subsaharischen Ländern, viele waren auf dem gleichen Boot wie Hasan. Sie sind die Gestrandeten von Tunesien.

Hasan war einige Wochen im Weißen Haus in Sabratha geblieben; es gab kein Essen und kein Wasser, die Menschen schliefen dicht gedrängt auf dem Boden. Eines Nachts wurde Hasan mit Dutzenden anderen Migranten zum Strand gefahren. 126 Menschen setzten die Schmuggler in jener Nacht in ein Motorboot. Drei Tage waren sie auf dem Meer, als der Sprit ausging. Als die Maschinen ausfielen, bekamen die Passagiere Panik. Dann entdeckte sie ein Fischer und rief die tunesische Küstenwache, die die Gruppe rettete. Eine Frau starb auf dem Boot. "Wir dachten, dass wir schon in Italien sind", erzählt Hasan. Aber sie sahen die tunesische Flagge, manche Passagiere weinten vor Enttäuschung. "Unser Leben ist gerettet, unsere Träume sind zerstört", murmelt Hasan.

Tunesien ist kein Transitland und liegt eigentlich nicht auf der zentralen Mittelmeerroute. Wie viele Flüchtlinge und Migranten auf ihrem Weg nach Europa in Tunesien stranden, ist schwer zu bestimmen. Neue kommen hinzu, andere tauchen ab. Das UNHCR hat derzeit mehr als 600 Menschen als Flüchtlinge erfasst, die Zahl derjenigen, die sich nicht registrieren lassen, ist jedoch deutlich höher. Viele von ihnen sind gestrandete Bootsflüchtlinge, andere kamen über die Grenze an Land, um dem Krieg im Nachbarland Libyen zu entkommen. Ihre Zukunftsaussichten in Tunesien sind nicht gut. 

Menschen wie Hasan, der aus Gambia kommt, werden eher nicht als Asylbewerber eingestuft; Gambier werden nicht als schutzbedürftig betrachtet. Syrer hingegen werden vom UN-Hochkommissariat für Flüchtlinge (UNHCR) registriert. Aber sie können in Tunesien kein Asyl beantragen, denn es gibt kein Asylgesetz. Das UNHCR unterstützt das Land zwar dabei, ein nationales Schutzsystem aufzubauen und schult die Behörden. Doch ein Asylgesetz wird vermutlich erst in den kommenden Jahren verabschiedet. Wer nicht als Flüchtling gilt, wird von der Internationalen Organisation für Migration (IOM) betreut, die unter anderem Hilfe bei der freiwilligen Rückkehr in die Heimat anbietet. Aus Medenine wurden gerade 63 Mädchen nach Nigeria zurückgeflogen. 

Eines der beiden Aufnahmezentren Le Foyer in Medenine © Andrea Backhaus

Tunesien war das erste Land in der arabischen Welt, das 2011 seinen Diktator stürzte und dem ein demokratischer Neuanfang gelang. Das Parlament wird nun vom Volk gewählt, es gibt eine liberale Verfassung und Meinungsfreiheit – während in den Nachbarländern Krieg herrscht oder erneut die Armee regiert. Doch Tunesien steht vor zwei großen Herausforderungen. Zum einen hat das Land ein Problem mit islamistischem Terrorismus, zuletzt hat die Terrormiliz IS mehrere schwere Anschläge in Tunesien verübt. Zum anderen erlebt das Land eine Wirtschaftskrise: Vor allem in ländlichen Gebieten gibt es zu wenig Arbeitsplätze und berufliche Perspektiven für junge Menschen.

Auch deshalb ist die Lage für Migranten, die keinen Anspruch auf Asyl haben, aber auch nicht in ihre Heimat zurückkönnen, besonders prekär. Viele schlagen sich mit illegalen Jobs durch oder betteln. "Selbst die Tunesier finden kaum eine Arbeit, für die Migranten ist es nahezu unmöglich", sagt Mongi Slim, Leiter des Regionalbüros des Tunesischen Roten Halbmonds, der sich um die Aufnahmezentren kümmert. "Die Menschen sitzen in Tunesien fest", sagt Slim. "Sie können nicht arbeiten, haben keinen Schutz und keine Perspektive." Hasan gehört nur deshalb zu den Glücklichen, weil er noch am Leben ist.  

Um zu verstehen, was mit den Menschen passiert, die nicht gerettet werden können, muss man nach Zarzis fahren. Der tunesische Küstenort ist 60 Kilometer von Medenine entfernt, 80 Kilometer sind es von der libyschen Grenze. Einst war Zarzis ein beliebter Ferienort. Doch dann machten sich die ersten Menschen vom Strand nach Italien auf – und ertranken. Das war in den Monaten nach der Revolution 2011, als Tausende Tunesier im Hafen von Zarzis auf ein Fischerboot stiegen, um nach der jahrzehntelangen Diktatur in Europa ein neues Leben zu beginnen. Bald aber gab es von Zarzis aus keine Boote mehr, der Fokus verschob sich auf das Nachbarland Libyen, auch, weil die Überfahrten dort deutlich günstiger und organisierter waren.

Libyen war schon vorher eines der wichtigsten Transitländer für Flüchtlinge aus Afrika auf ihrem Weg nach Europa gewesen. Libyens Ex-Diktator Muammar al-Gaddafi hatte Italien gar gedroht, Zehntausende Migranten warteten an Libyens Küste nur darauf, dass er sie nach Europa aufbrechen lasse. Nach seinem Tod entwickelte sich Libyen rasend schnell zu einem Hotspot der Migrationswege.