Während die irakische Armee die Eroberung Mossuls von der Terrormiliz "Islamischer Staat" feiert, hat die Menschenrechtsorganisation Amnesty International einen Bericht (PDF) veröffentlicht, der die Gräueltaten der vergangenen Monate in der irakischen Stadt auflistet. Dokumentiert worden sind dabei nicht nur Handlungen des IS, sondern auch der irakischen Armee und deren Verbündeten.

Der englischsprachige Bericht bezieht sich auf die jüngsten Kampfhandlungen in West-Mossul von Januar bis Mitte Mai 2017. Er dokumentiert, wie die IS-Terrormiliz Zivilisten aus Nachbardörfern gezielt in die umkämpften Gebiete von West-Mossul brachte, sie dort festsetzte und als menschliche Schutzschilde missbrauchte. Gleichzeitig hätten die irakischen Streitkräfte und die Koalitionstruppen keine angemessenen Maßnahmen zum Schutz der Zivilbevölkerung ergriffen, sondern Waffen eingesetzt, die in bevölkerungsreichen Gegenden niemals hätten angewandt werden dürften, heißt es weiter.

Für ihren Bericht sprachen Vertreter von Amnesty International unter anderem mit 151 Bewohnern von West-Mossul sowie mit medizinischem Personal und Rüstungsexperten. Dokumentiert wurden insgesamt 45 Angriffe, bei denen mindestens 426 Zivilpersonen getötet und mehr als 100 verletzt wurden. Er analysiert neun Angriffe durch irakische Streitkräfte und die US-geführten Koalitionstruppen.

Nach Darstellung eines Irakers habe der IS Menschen daran gehindert, aus Mossul zu fliehen. Dazu hätten die Kämpfer die Bewohner in ihren Häusern eingeschlossen, die Türen verschweißt und Sprengfallen gelegt. Ein Bewohner sagte Amnesty: "Wer floh, der wurde aufgegriffen und getötet und als Abschreckung an einem Strommast aufgehängt." Vier seiner Nachbarn habe er hängen sehen. "Tagelang hingen sie dort. Zwischen 15 und 50 Menschen wurden so an den Strommasten aufgehängt."

Weil der IS die Zivilbevölkerung in umkämpfte Gebiete zwang und sie an der Flucht hinderte, hätten sich die vom IS kontrollierten Gegenden in West-Mossul zunehmend mit Zivilisten gefüllt. Doch, so beklagt Amnesty, hätten die irakischen Streitkräfte und US-geführten Koalitionstruppen " ihre Taktiken nicht an diese neue Situation" angepasst. "Sie setzten stattdessen weiterhin unpräzise explosive Waffen ein, die in bevölkerungsreichen Stadtgebieten verheerende Schäden anrichteten."

Amnesty kommt weiter zu dem Schluss, dass die US-geführten Koalitionstruppen und irakischen Streitkräfte bei ihren Angriffen "regelmäßig ihr militärisches Angriffsziel verfehlten und stattdessen Zivilpersonen verletzten oder töteten oder zivile Objekte beschädigten oder zerstörten". In einigen Fällen könne die Verletzung oder Tötung von Zivilpersonen offenbar entweder auf unangemessen schwere Waffen oder unzureichende Sorgfalt bei der Identifizierung militärischer Ziele hinweisen.

Auch Angriffe, bei denen das militärische Ziel offenbar getroffen wurde, hätten vermeidbare Verluste unter der Zivilbevölkerung nach sich gezogen, schreibt Amnesty weiter. "Allem Anschein nach wurden unverhältnismäßig schwere Waffen eingesetzt. So wurden beispielsweise am 17. März bei einem Luftangriff der USA auf Mossul mindestens 105 Zivilisten getötet. Ziel dieses Angriffs auf den Stadtteil Al-Jadida waren zwei IS-Scharfschützen."

"Keine Straflosigkeit für Gräueltaten"

Lynn Maalouf, Nahost-Expertin bei Amnesty International, sagte: "Es darf keine Straflosigkeit für die Gräueltaten geben, die die Zivilbevölkerung in Mossul erleiden musste." Auch die absolute Missachtung menschlichen Lebens seitens aller Konfliktparteien dürfe nicht unbestraft bleiben. "Ganze Familien wurden ausgelöscht, und viele der Toten liegen nach wie vor unter dem Schutt der Stadt begraben. Die Bewohner von Mossul haben ein Recht darauf, von ihrer Regierung Gerechtigkeit und Wiedergutmachung zu erfahren." Maalouf fordert, umgehend eine unabhängige Kommission einzusetzen, um mögliche völkerrechtliche Verstöße zu untersuchen. Die Ergebnisse dieser Untersuchungen müssten veröffentlicht werden.

Maalouf forderte weiter, der Kampf gegen den IS müsse in anderen Teilen des Irak und Syrien "in einer Weise geführt werden, die mit dem Völkerrecht und internationalen Standards vereinbar ist. Alle an diesen Kämpfen beteiligten Staaten müssen sich neben dem militärischen Aspekt auch darauf konzentrieren, Ressourcen bereitzustellen, um die Notlage der vom IS festgesetzten und misshandelten Zivilbevölkerung zu mindern."