Die umstrittene Abstimmung über eine Verfassungsreform in Venezuela ist von Unruhen begleitet worden. Sowohl ein Kandidat des Regierungslagers als auch mehrere Oppositionspolitiker und Demonstranten wurden getötet. 19,4 Millionen Menschen waren aufgerufen, 545 Mitglieder für eine verfassunggebende Versammlung zu wählen.

Es wird damit gerechnet, dass es in dem Gremium eine klare Mehrheit von Anhängern der regierenden Sozialisten geben wird. Die ersten Ergebnisse sollen am Montagmorgen mitteleuropäischer Zeit vorliegen. Die Opposition boykottierte die Wahl. Sie warnte, dass der venezolanische Präsident Nicolás Maduro das Land in eine Diktatur umwandeln will. Insgesamt 5.500 Menschen haben sich auf die Sitze beworben, darunter viele Vertreter der Regierungspartei Partido Socialista Unido de Venezuela (PSUV) und auch Maduros Ehefrau Cilia Flores.

Nach Angaben der venezolanischen Opposition starben mindestens 15 Menschen bei Auseinandersetzungen. Im Bundesstaat Merida wurde ein Politiker der Oppositionspartei Accion Democratica (AD) bei Protesten erschossen. Laut Augenzeugen seien bewaffnete regierungsnahe Banden für die Tat verantwortlich. Auch der regierungsnahe Politiker José Félix Pineda, der für die verfassunggebende Versammlung kandidierte, wurde getötet. Mehrere Angreifer drangen nach Angaben der Staatsanwaltschaft in dessen Haus im Bundesstaat Bolivar ein und erschossen den Anwalt. Zum möglichen Tatmotiv machte die Behörde keine Angaben.

In der Stadt Cumana soll zudem ein 30-jähriger Regionalsekretär einer oppositionellen Jugendvereinigung bei einem Protestmarsch gegen die Wahl erschossen worden sein. Zu möglichen Tätern machte die Staatsanwaltschaft zunächst keine weiteren Angaben. Bei einer Demonstration in der Stadt Barquisimeto starb ein 43-Jähriger durch einen Kopfschuss, wie die Justiz mitteilte. Die Nachrichtenagentur AFP meldete außerdem, dass im westlichen Bundesstaat Tachira zwei Jugendliche im Alter von 13 und 17 Jahren erschossen wurden. Seit April protestieren Regierungsgegner stetig gegen die Regierung. Seitdem kamen 118 Menschen ums Leben.

Am Wahltag waren 232.000 Soldaten im Einsatz, Panzerwagen fuhren durch die Straßen. Die Presse wurde erheblich eingeschränkt, es gibt Berichte über Angriffe auf Wahllokale und verbrannte Wahlzettel. Die Regierung verbot außerdem Demonstrationen und kündigte an, die Teilnahme mit bis zu zehn Jahren Gefängnis zu bestrafen. Das aus rund 20 Parteien bestehende Bündnis Mesa de la Unidad Democrática rief trotzdem zu neuen Massenprotesten gegen Maduro auf. Henrique Capriles, der Maduro bei der Wahl 2013 knapp unterlag, gab der Demonstration das Motto: "Gegen Diktatur und Verfassungsbetrug". In der Hauptstadt Caracas errichteten Demonstranten Barrikaden. Soldaten gingen mit Gewalt gegen sie vor. Vier Polizisten trugen Verletzungen durch einen Sprengsatz davon. Dieser sei explodiert, als die Polizisten in einem Motorradkonvoi vorbeigefahren seien, teilten die Behörden mit.

Versammlung soll Immunität der Oppositionspolitiker aufheben

Die neu gewählte Versammlung soll bereits in den kommenden Tagen ihre Arbeit aufnehmen. Ihr Sitz soll im Gebäude des Parlaments sein, in dem die Opposition seit zwei Jahren die Mehrheit stellt. Maduro ignoriert die Volksvertretung und wirft der Opposition vor, Handlanger für einen von den USA gesteuerten Umsturzversuch zu sein. Es gibt Hinweise, dass die neu gewählte Verfassungsversammlung das Parlament ersetzen könnte. Das würde die Gewaltenteilung de facto aufheben und den Sozialisten die alleinige Macht geben. Maduro hatte bereits angekündigt, dass er nach der Wahl härter gegen politische Gegner vorgehen will. Die Versammlung solle die Immunität der Oppositionspolitiker aufheben. Dem Vizepräsidenten des Parlaments, Freddy Guevara, sei eine Zelle garantiert, hatte Maduro im Staatsfernsehen gesagt. 

Der Staatspräsident gab als einer der ersten seine Stimme ab und sprach von einem historischen Tag. Bei der Wahl gehe es um eine "ruhige Zukunft". Mitte Juli hatten sich in einer Befragung 7,5 Millionen gegen die Verfassungsreform ausgesprochen. Auf Hunderttausende Arbeiter in staatlichen Unternehmen wurde nach Medienberichten mit Textnachrichten und Anrufen Druck ausgeübt, an der Wahl teilzunehmen. Nach der Beobachtung eines Reporters der Nachrichtenagentur AP schien sich in  Caracas eine niedrige Wahlbeteiligung abzuzeichnen. Eine große Zahl von Nichtwählern wäre ein Erfolg für die Opposition.

Im Ausland wurde die Wahl stark kritisiert. Die US-Regierung hatte bereits Sanktionen gegen 13 ranghohe Verbündete Maduros verhängt und droht dem Land mit Wirtschaftssanktionen. Außerdem hatte sie Diplomatenfamilien zur Ausreise aufgefordert. Die EU und die kolumbianische Regierung hatten angekündigt, das Ergebnis nicht anzuerkennen. Kolumbien hatte außerdem bekannt gegeben, bis zu 200.000 aus Venezuela geflüchteten Menschen einen Sonderaufenthaltsstatus verleihen zu wollen.