Seine Mitbürger kennen ihn kaum und sein Amt als indisches Staatsoberhaupt besitzt wenig Macht – und doch interessiert diese Wahl über die Grenzen des Landes hinaus: Ram Nath Kovind, bisher Gouverneur des nördlichen Bundesstaates Bihar im Norden, wird der neue Präsident Indiens. Bemerkenswert ist seine Wahl, weil Kovind ein Dalit ist: Der künftige Präsident gehört zu den früher so genannten Unberührbaren, der untersten Gruppe in der traditionellen indischen Kastenhierarchie. Über Jahrtausende wurden die Dalit diskriminiert und ausgegrenzt.

Das Kastensystem hat in Indien durch die fortschreitende Modernisierung an Bedeutung verloren, besonders in den Städten. Dass die Kastenzugehörigkeit noch, wie früher, die Berufswahl bestimmt, ist selten geworden. Dalits und andere Angehörige benachteiligter Gruppen profitieren von Quotenregelungen für Studienplätze und Jobs im öffentlichen Dienst.

Ram Nath Kovind wird auch nicht der erste aus dem Kreis der einstigen Unberührbaren sein, der das höchste Staatsamt übernimmt: von 1997 bis 2002 war schon einmal ein Dalit Präsident. Und wäre der 71-Jährige nicht gewählt worden, hätte trotzdem eine Dalit an der Spitze Indiens gestanden. Die Kandidatin der Opposition, die frühere Diplomatin und erste weibliche Parlamentspräsidentin Meira Kumar stammt ebenfalls aus der Kaste der Unberührbaren.

Trotzdem ist die gesellschaftliche Vorherrschaft der höheren Kasten in Indien, von den Gerichten über die Redaktionen bis in die Firmenvorstände, nicht gebrochen. Und besonders auf dem Land riskieren aufmüpfige Dalits nach wie vor brutale Repressalien, bis hin zum Lynchmord. Insofern ist Kovinds Wahl auch im Indien des Jahres 2017 noch immer ein bedeutsames Symbol.

In erster Linie jedoch dient sie den Interessen des indischen Premierministers Narendra Modi und seiner nationalistischen Regierungspartei BJP, der auch der künftige Präsident angehört. Die BJP ist herkömmlicherweise eine Partei der höheren Hindu-Kasten. Wegen ihrer teils aggressiv antiislamischen Haltung hat sie kaum Chancen, in nennenswertem Umfang Wähler aus der muslimischen Minderheit in Indien zu gewinnen.

Die BJP muss also darauf setzen, unter den Hindus weiter zuzulegen, und das kann sie nur, wenn sie ihr altes Oberkasten-Image abschüttelt und auch für Wähler am unteren Ende der Sozialpyramide akzeptabel wird. Dabei soll die Präsidentschaft Ram Nath Kovinds helfen. Seine Wahl ist ein Ausdruck des sozialen Wandels, aber vor allem ist sie ein geschicktes politisches Manöver.