Niemand will in Deutschland rechts sein, nicht mal Rechte selbst. Warum das so ist, hat der Erziehungswissenschaftler Josef Held von der Uni Tübingen nun am Beispiel von Azubis aus Baden-Württemberg untersucht. Azubis und Arbeiter sind nämlich mehr als andere Bevölkerungsgruppen bereit, rechtspopulistische Argumente anzunehmen. Verschiedene Daten zeigen zum Beispiel, dass Rechtspopulisten vor allem im traditionellen SPD-Milieu Erfolg haben. Arbeiter und Arbeitslose machen einen bedeutenden Teil der AfD-Basis aus. Seit Jahren wenden sich Arbeitnehmer dagegen von Gewerkschaften, linken Organisationen und Parteien ab. Links-Wähler sind vor allem Männer in höherem Alter und mit höherem Bildungsabschluss.

Die Tübinger Studie bestätigte das Bild, das sich an vielen politischen Stammtischen widerspiegeln dürfte: Die meisten Befragten verorten sich nicht politisch rechts, sondern in der Mitte – aber argumentieren rechtspopulistisch. "Der Grundtenor der Interviews war, dass man sich auf keinen Fall als rechts positionieren wollte. Auch die AfD war kein Bezugspunkt", sagt Held, der die Studie im Auftrag der Rosa-Luxemburg-Stiftung leitete. Viele Azubis sahen ihre Eltern als eher links und ihr Umfeld als eher rechts. "Damit haben sie den Eindruck, dass sie selbst gar nicht anfällig sind für den Rechtspopulismus", sagte er weiter.

Sobald die Forscher nach der Haltung zu Flüchtlingen fragten, änderte sich aber der Ton. Die meisten Azubis hoben zunächst hervor, dass Hilfe wichtig sei und Einreisen grundsätzlich möglich sein sollten. Im Laufe des Gesprächs sprachen sich die Befragen aber für härtere Strafen aus, lehnten Sozialleistungen ab und stellten Einwanderer pauschal unter Terrorismusverdacht. Die Zustimmungswerte zu nationalistischen und autoritaristischen Positionen lagen bei etwa 80 Prozent.

Gerüchte ersetzen fundierte Auseinandersetzung

Damit bestätigt die Tübinger Studie frühere Befunde, etwa die der Leipziger Mitte-Studien oder der Bielefelder Studienreihe Deutsche Zustände. Auch diese hatten einen Unterschied in der Selbstwahrnehmung und den tatsächlich geäußerten Ansichten festgestellt.

Die befragten Jugendlichen begründeten ihre Einstellung oft ausschließlich mit persönlichen Erfahrungen und Gerüchten, hieß es weiter. Sie berichteten unter anderem von Krankenhäusern, die schließen mussten, um Wohnraum für Flüchtlinge zu schaffen; oder von Supermärkten, die wegen zu vielen Diebstählen geschlossen hätten. "Gerüchte ersetzten die wirkliche Auseinandersetzung mit der Thematik und dienten dazu, die eigene rechtspopulistische Orientierung zu rechtfertigen", sagt Held.

Der Widerspruch zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung sei womöglich anerzogen. "In den Berufsschulen sprechen die Lehrer sehr häufig über Geflüchtete, aber mehr auf einer moralischen Ebene", sagt Held. Dabei bilde sich bei den Auszubildenden eine Idee davon, was man sagen und was man nicht sagen könne. Argumente, um flüchtlingsfreundliche Einstellungen zu begründen, fehlten aber. Stattdessen bedienten sich die Befragten Argumenten, die sie aus ihrem Umfeld aufgriffen, das sie selbst als rechts sehen. Das Ergebnis kann eine selbstwahrgenommene Offenheit für Flüchtlinge unter gleichzeitiger Anwendung rassistischer Stereotype sein.

Kontakt zu Geflüchteten führte zu weniger Rechtspopulismus

Ein weiteres Ergebnis der Studie: Persönlicher Kontakt zu Flüchtlingen führt zu differenzierteren Positionen. "Es wurde im Gespräch kaum darauf eingegangen, woher die Geflüchteten kamen, was sie erlebt haben, wie es ihnen geht. Viele Befragte grenzten sich ab und haben nie versucht, empathisch den Kontakt aufzunehmen." Dagegen äußerten sich Jugendliche, die absichtlich oder unabsichtlich Kontakt mit Flüchtlingen hatten, etwa über ihre Sportvereine, deutlich seltener rechtspopulistisch.

Über den regionalen Fokus wollten die Forscher weiterhin herausfinden, wie Rechtspopulismus lokal aufgenommen wird und wirkt. Die Befragten stammen alle aus einer ländlichen Gegend in Baden-Württemberg. Diese schien aber keine ausschlaggebende Rolle zu spielen. Zwar äußerten sich jene Jugendlichen rechtspopulistischer, die sich im Gespräch stärker auf ihre Gegend bezogen und sich als besonders heimatverbunden bezeichneten. Umgekehrt stimmten die in der Studie ebenfalls befragten Betriebsräte mit ähnlich starker Bindung zur Region deutlich weniger rechtspopulistischen Argumenten zu.