Ingo Werth sitzt in seinem Haus im Hamburger Stadtteil Bergedorf. Doch eigentlich ist er gar nicht hier, sondern auf dem Mittelmeer, zwölf Seemeilen vor der libyschen Küste. All seine Gedanken und Worte kreisen nur um diesen einen Punkt. Immer wieder wischt er seine grauen Haare ungeduldig aus der Stirn, wenn er von dem erzählt, was er dort gesehen hat.

Ingo Werth rettet Menschen. Seit 2015 fischt er sie aus dem Mittelmeer. Eigentlich hat er eine Autowerkstatt. Seefahrt war lange nur ein Hobby, er hat einen Schein als Hochseeskipper für Segelboote. Doch dann sah er die Bilder der Ertrunkenen im Mittelmeer. Sie ließen ihn nicht mehr los. Also überließ Werth die Werkstatt seinem Bruder und einem Partner und brach auf, um Flüchtlingen zu helfen.

Anfangs steuerte er ein Rettungsschiff für die private Organisation Sea-Watch, inzwischen hat er die Organisation Resqship gegründet und will ein weiteres Schiff ins Mittelmer schicken. "Das Wichtigste ist jetzt, zusätzliche Schiffe hinzubringen", sagt Werth. Zu viele Menschen geraten in Seenot, zu wenige werden gerettet. Davon ist er überzeugt.

110.374 Menschen schafften es in diesem Jahr über das Mittelmeer nach Europa. So zählt es das UN-Flüchtlingshilfswerk. Die meisten von ihnen fuhren über die zentrale Route von Libyen nach Italien. Zwei Drittel der Flüchtlinge waren in Schlauchboote gestiegen. "Keines dieser Gummiboote ist in der Lage, das Festland zu erreichen", sagt Werth. Die Schlepper zwingen 120, manchmal 150 und mehr Leute auf die Schlauchboote, viel zu viel Last für die billig zusammengeklebten Gummihüllen. Mehr als 2.300 Flüchtlinge ertranken allein 2017.

"Diese Menschen sind schon in Seenot, wenn sie den Strand verlassen", sagt der ehrenamtliche Retter. Europäische Behörden bestätigen seine Einschätzung. "Mit ihren geringen Vorräten und ihrem Grad an Überladung sind die Flüchtlingsboote tatsächlich bereits in dem Moment ein Seenotfall, wenn sie ablegen", schrieb der italienische Konteradmiral Enrico Credentino schon im Januar 2016 in einem geleakten Bericht der EU-Militärmission Sophia, die im Mittelmeer Schleuser jagen und Schiffbrüchige retten soll (hier als PDF bei WikiLeaks).

Auch viele Freiwillige wollen schiffbrüchige Flüchtlinge retten. Erfahrene Hilfsorganisationen wie Save the Children und Ärzte ohne Grenzen entsandten große Schiffe, die die Geretteten medizinisch versorgen und nach Italien bringen können. Kleine Initiativen wie Sea-Watch, Sea-Eye oder Jugend rettet schickten Boote, die nur wenige Menschen aufnehmen können. Sie verteilen vor allem Rettungsmittel und sichern vom Sinken bedrohte Schlauchboote, bis Hilfe eintrifft. Neben den Freiwilligen sind auch Schiffe der EU-Militärmission EUNAVFOR MED (Operation Sophia), der europäischen Grenzschutzagentur Frontex (Operation Triton) und der italienischen Küstenwache im Einsatz. Sie alle retten Tausende von überladenen Holzkuttern und aus Schlauchbooten.

Routen der privaten Rettungsschiffe

Diese Karte zeigt im Zeitraffer, wo sich Schiffe privater Retter im Zeitraum 22. Juni bis 7. Juli 2017 bewegt haben. Rot markiert ist die Zwölfmeilenzone vor der libyschen Küste.

  • AQUARIUS
  • GOLFO AZZURRO
  • IUVENTA
  • OPEN ARMS
  • PHOENIX
  • SEA WATCH 2
  • SEA-EYE
  • SEEFUCHS
  • VOS HESTIA
  • VOS PRUDENCE
  • Andere

Europas Innenminister jedoch wollen freiwilligen Rettern wie Werth die Arbeit nun erschweren. Sie verlangen, dass sich die Hilfsorganisationen von der libyschen Küste fernhalten. Zehn Organisationen sind dort im Einsatz. Österreichs Innenminister Wolfgang Sobotka fordert sogar harte Strafen für "selbst ernannte Seenot-Retter". Einzelnen Organisationen warf er vor, sogar mit Schleuserbanden zu kooperieren.

Bundesinnenminister Thomas de Maizière kritisiert ebenfalls das Vorgehen einiger Hilfsorganisationen. Die italienischen Behörden untersuchten Vorwürfe gegen die freiwilligen Helfer, sagt der Innenminister: "Zum Beispiel, dass Schiffe ihre Transponder regelwidrig abstellen, nicht zu orten sind und so ihre Position verschleiern." Das schaffe kein Vertrauen. Wie Flugzeuge haben auch Schiffe Transponder, die ständig die Position funken. Der unausgesprochene Verdacht, der hinter diesem Vorwurf steht: Die freiwilligen Helfer wollten verbergen, wenn sie der Küste und damit den Schleppern näher kommen als zulässig.

22 Kilometer im Dunkeln über offenes Meer

Zwölf Seemeilen, 22 Kilometer – so weit müssen es die Flüchtlingsboote schaffen, die nahezu jede Nacht am Strand zwischen Zuwara und Al-Sawija in Richtung Europa ablegen. Dort verläuft die international anerkannte Grenze, die die Helfer nicht überschreiten dürfen. Kommen die Boote nicht so weit und werden von der libyschen Küstenwache gefunden, werden ihre Passagiere zurück an den Strand gebracht und in Lager gesteckt, in denen ihnen Folter, Vergewaltigung und Zwangsarbeit drohen. Erst nach zwölf Seemeilen warten die Schiffe von Hilfsorganisationen wie Sea-Watch oder Ärzte ohne Grenzen, um die Menschen zu retten und nach Italien zu bringen.

Wer die Daten der Schiffstransponder auswertet, AIS (die Abkürzung für Automatic Identification System) genannt, die den Standort jedes zivilen Schiffs auf den Meeren zeigen, erkennt das Muster sofort. ZEIT ONLINE hat die Positionen aller Schiffe der Hilfsorganisationen über zwei Wochen lang beobachtet. Zu sehen ist, wie sie kurz hinter der Zwölf-Meilen-Grenze Tag und Nacht einen 80 Kilometer breiten Korridor abfahren. Anschließend bewegen sie sich nach Malta, Sizilien oder Süditalien, um die Geretteten in sichere Häfen zu bringen, wie es das Seerecht verlangt.

Zone der meisten Rettungsaktionen

Die Heatmap zeigt die Positionen der NGO-Rettungsboote im Zeitraum 21. Juni bis 6. Juli 2017.

Quelle: Vesselfinder Kartenmaterial © DigitalGlobe

Beim Blick in die Daten wird nachvollziehbar, warum die Innenminister misstrauisch sind. Es gibt Lücken in den Funksignalen der Transponder. Manchmal senden die Schiffe für viele Stunden kein Positionssignal. Doch dafür gibt es mehrere plausible Erklärungen. Die wichtigste: Die AIS-Sendeanlagen an Bord gerade kleinerer Schiffe sind nicht stark genug, damit ihr Signal immer eine Funkstation erreicht. Nur große Schiffe senden ihr AIS-Signal und das aller anderen Schiffe in ihrer Nähe direkt an Satelliten. Kleinere Schiffe funken nur mit den Landstationen. Die aber decken nicht das ganze Mittelmeer ab, wie auf dieser Karte zu sehen ist. Manchmal ist auch schlechtes Wetter schuld an Funklücken.

Proactiva Open Arms, Betreiber des Schiffes Golfo Azzurro, schreibt auf entsprechende Fragen, die Crew habe immer wieder einmal Schwierigkeiten mit den AIS-Funktranspondern. Aber alle angefragten Rettungscrews schreiben auch übereinstimmend: "Wir schalten das AIS niemals absichtlich aus." Dafür existiere auch kein Grund. Weil es die Probleme mit der Sendeleistung gibt, schickt die Golfo Azzurro ihre Position sogar zusätzlich alle zwei Stunden direkt an das Rettungszentrum in Rom.