Die grobe Strategie der US-Regierung in Syrien ist schnell beschrieben: Absolute Priorität hat der Kampf gegen die Terrormiliz "Islamischer Staat" – danach kommt eigentlich nicht mehr viel. Die Amerikaner sehen zwar keine Zukunft für das verbrecherische Regime von Präsident Baschar al-Assad, wissen aber auch: Sie können es nicht ändern. Nun geben sie die Unterstützung moderater Rebellen auf, die gegen den Diktator und seine Freunde kämpfen. Das ist verständlich, denn das Programm zeigte eben nicht die gewünschte Wirkung und hatte Probleme, überhaupt geeignete Adressaten zu finden. Aber damit zeichnet sich auch ab, dass der Krieg in eine neue Phase tritt.

Donald Trump glaubt offenkundig, den endgültigen Sieg über den IS bereits so gut wie errungen zu haben. Weil der Mission-accomplished-Termin allerdings noch eine Weile auf sich warten lässt, gibt der US-Präsident in diesen Tagen gern den Friedensstifter. Die jüngst von den USA, Russland und Jordanien organisierte begrenzte Waffenruhe im Südwesten Syriens wurde als der große Erfolg seines Rendezvous mit Wladimir Putin beim G20-Gipfel verkauft. "Mit einem Mal werden in Syrien keine Schüsse mehr abgefeuert werden", prophezeite er jüngst. Mit anderen Worten: Was in unzähligen Genfer und anderen Verhandlungen nicht ansatzweise zustande zu bringen war, löst die neue Männerfreundschaft mit dem russischen Präsidenten? Wohl kaum.

Nach einem Bericht der Washington Post ist auch die Einstellung des Unterstützungsprogramms für Rebellen ein Schritt, der "Trumps Interesse widerspiegelt, Wege zur Zusammenarbeit mit Russland zu finden", wie Regierungsquellen einräumen. Zu den Zielen des Kremls passt das: Mit seiner Intervention im Syrienkrieg hat Russland – ebenso wie der Iran – sichergestellt, dass Assad an der Macht bleiben und den Kampf gegen alle seine Gegner (alles "Terroristen") rücksichtslos vorantreiben konnte. Parallel dazu wurden alle diplomatischen Bemühungen um Waffenruhen oder politische Transformation zu einer Farce, die immer nur dazu geeignet war, den Anschein eines russischen Friedenswillens zu wahren, das Erkämpfte abzusichern und die Kräfte neu zu sammeln.

Was also bedeutet es, wenn US-Außenminister Rex Tillerson nach dem G20-Gespräch der beiden Präsidenten über Syrien festhält, man habe zwar unterschiedliche Ansichten über den Weg, doch "im Großen und Ganzen sind unsere Ziele exakt dieselben"? Es ist das Eingeständnis, gegen die von Russland erreichte Stabilisierung des Regimes könne und wolle man nun nichts mehr ausrichten. Und es ist womöglich der Versuch eines großen Deals, der die neue Realität in Syrien anerkennt und allen Interessen ihren Platz zuweist. Die große Gefahr ist, dass am Ende Russia first statt America first gilt.

Ein Highway für die Feinde Israels

Schon die Reaktion der USA auf den neuerlichen Angriff mit chemischen Waffen bei Chan Scheichun – die Bombardierung eines Stützpunktes der syrischen Luftwaffe – hat gezeigt, dass Trump zwar bereit ist, rote Linien durchzusetzen. (Anders als Barack Obama, auf dessen Drohungen nichts folgte, ein fatales Signal für das Regime und seine Helfer.) Dass diese Regierung aber keinen langfristigen Plan für Syrien oder die Region hat, der den Blick über den IS hinaus wirft, wird immer offensichtlicher.

Denn die Waffenruhe und die Absage an die Rebellen zementieren nicht nur die Erfolge des Regimes und seiner Schutzmacht Russland, sie begünstigen auch den Vormarsch des Irans. Dessen Milizen sind mehr noch als die russischen Luftangriffe die treibende Kraft hinter der Vernichtungsstrategie Assads; seine eigene dezimierte Armee hätte längst den Rückzug antreten müssen. Der Iran dürfte die Chance nutzen wollen, jene Leerstellen zu füllen, die der IS und zurückgedrängte Rebellen hinterlassen.

Aus Sicht Israels ist diese Entwicklung besonders bedrohlich. Es war vor der Einigung über die Waffenruhe im Südwesten konsultiert worden, doch Premierminister Benjamin Netanjahu stellte sich später entschieden gegen das Projekt der Amerikaner. Seine große Angst: dass der Iran nicht nur das Vakuum nach der Vertreibung des IS und der Niederschlagung oppositioneller Kräfte nutzt, um eine wachsende permanente Präsenz in Syrien zu konsolidieren, inklusive Marine- und Luftwaffenbasis. Sondern dass es ihm am Ende sogar gelingt, einen Landkorridor von seiner westlichen Grenze über Irak und Syrien bis zur hauseigenen Hisbollah-Miliz im Libanon zu schaffen. Es wäre ein neuer, kaum mehr zu kontrollierender Highway, über den die Feinde Israels ihre Waffen und Kämpfer verschieben könnten.

Trumps harte Haltung gegenüber dem Iran und seine Unterstützung für Israel, die Netanjahu ja auch zu seinem Freund gemacht hatte, sind bekannt. Er wird also wenig Interesse daran haben, dass Israels Horrorvorstellung Realität wird. Die große Frage ist, ob Trump diese neue Phase des Kriegs weit genug wird beeinflussen können. Russland, von dessen Entscheidungen ungleich mehr abhängt, hat möglicherweise ebenfalls das Ziel, den Iran nun nicht zu stark in Syrien Fuß fassen zu lassen. Die Partnerschaft zwischen Teheran und Moskau gegen die Feinde Assads ist nicht mehr als ein Zweckbündnis.

Sicher ist das alles nicht, und schon gar nicht, ob Trump und seinen Leuten das alles klar ist. Man wüsste wirklich gern, was er mit Putin schon alles besprochen hat.